Kurt Tucholsky: Augen in der Gro├čstadt

„Augen in der Gro├čstadt“ ist eines der ber├╝hmteren Gedichte Kurt Tucholskys. Es wurde 1930 erstmals ver├Âffentlicht und behandelt das anonyme Leben in der Stadt – vielleicht in Berlin, wo Tucholsky einen gro├čen Teil seines Lebens verbrachte.

Dieses Gedicht geh├Ârt zu den bekanntesten Werken deutscher Lyrik – hier finden Sie mehr ber├╝hmte Gedichte.

Als Illustation der "Augen in der Gro├čstadt" die Skyline einer japanischen Metroprole bei Nacht.
Du mu├čt auf deinem Gang / durch St├Ądte wandern;
siehst einen Pulsschlag lang / den fremden Andern.

Foto von wong manho auf Unsplash

Hier finden Sie den Text des Gedichts sowie eine kurze Interpretation. Und hier finden Sie mehr Gedichte von Kurt Tucholsky.

Wenn Sie wollen, lesen Sie noch ein paar (sch├Âne) Gedichte ├╝ber das Leben.

Viel Spa├č!

Das Gedicht

Wenn du zur Arbeit gehst
am fr├╝hen Morgen,
wenn du am Bahnhof stehst
mit deinen Sorgen:
dann zeigt die Stadt
dir asphaltglatt
im Menschentrichter
Millionen Gesichter:
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider ÔÇô
Was war das? Vielleicht dein Lebensgl├╝ckÔÇŽ
vorbei, verweht, nie wieder.

Du gehst dein Leben lang
auf tausend Stra├čen;
du siehst auf deinem Gang,
die dich verga├čen.
Ein Auge winkt,
die Seele klingt;
du hastÔÇÖs gefunden,
nur f├╝r SekundenÔÇŽ
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider ÔÇô
Was war das? Kein Mensch dreht die Zeit zur├╝ckÔÇŽ
vorbei, verweht, nie wieder.

Du mu├čt auf deinem Gang
durch St├Ądte wandern;
siehst einen Pulsschlag lang
den fremden Andern.
Es kann ein Feind sein,
es kann ein Freund sein,
es kann im Kampfe dein
Genosse sein.
Es sieht hin├╝ber
und zieht vor├╝berÔÇŽ
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider ÔÇô
Was war das? Von der gro├čen Menschheit ein St├╝ck!
Vorbei, verweht, nie wieder.

Eine sehr kurze Interpretation

Ich hatte einen Freund in der Schule, der mit einem Zitat in unsere Abizeitung einging:

Die Interpretation eines Gedichts sei nichts anderes als die perverse Zerfleischung eines f├╝r sich stehenden St├╝cks Lyrik. Mit aller Macht m├╝sse aus den Zeilen herausgekratzt werden, was der oder die Autorin ├╝berhaupt nicht beabsichtigt h├Ątte. Es sei reine Zeitverschwendung und dem Denkmal eines Dichters ├╝berhaupt nicht angemessen – woher wisse man schlie├člich, was die Verfasserin ├╝berhaupt gemeint habe? Sie sei schlie├člich tot und niemand habe sie gefragt.

Manchmal sei ein rotes Tuch eben einfach ein rotes Tuch.

Der Schulkollege hat damit nat├╝rlich v├Âllig Unrecht. In den meisten Gedichten ist ein Tuch eben doch aus einem bestimmten Grund rot und es ├Âffnet dem Leser ganz neue Erkenntnisse, einen Blick hinter die B├╝hne zu werfen, auf der die Buchstaben sich zu W├Ârtern und Versen formen.

Aber eines muss ich zugeben: Mich haben schon immer die Gedichte am ehesten fasziniert, wo hinter der B├╝hne etwas eindeutiges steht. Und dies betrifft meist die Lyrik der „Neuen Sachlichkeit“.

So ist es auch bei „Augen in der Gro├čstadt“ von Tucholsky. Kurt Tucholsky war Deutscher aus Berlin, im Jahre 1930 lebte er bereits in Schweden im Exil. Allein aus seiner Biografie heraus lassen sich in diesem Gedicht sicher tausende von Ans├Ątze zur Interpretation finden. Auch was die einzelnen W├Ârter und S├Ątze und rhetorischen Figuren angeht – die Antik├Ârperchen machen da einen grandiosen Job, wie ich finde.

Mich begeistert das, was eindeutig ist: Die gro├čartige Beschreibung der tristen Anonymit├Ąt der Gro├čstadt. Der Erz├Ąhler spricht uns direkt an, er wei├č von unseren Sorgen. Wir alle haben Sorgen, manche sind weithin bekannt oder sogar sichtbar, die meisten jedoch tragen wir mit uns allein herum, sind h├Âchstens unseren engsten Freunden bekannt.

Mit diesen Sorgen – von denen wir denken „Ach, warum muss es gerade mich treffen!“ – gehen wir durch die Stadt, kennen nur uns selbst, kennen nur unsere eigenen Probleme, denken mithin, wir seien sogar die einzigen, die ├╝berhaupt Probleme haben. Ehe uns aber Tucholsky diesen Zahn schon in der ersten Strophe zieht: Da ziehen Millionen von Menschen vorbei, die wir so wenig kennen, dass jede davon unser Lebensgl├╝ck bedeuten k├Ânnte. Wir wissen nichts ├╝ber sie, sie rauschen vorbei, aber was ma├čen wir uns also an, zu glauben, wir seien die einzigen mit Sorgen?

Vom fr├╝hen Morgen, der uns bereits mit Sorgen empf├Ąngt, zieht er dann in der zweiten Strophe den Bogen auf unser ganzes Leben. Unser ganzes Leben sind wir umgeben von Millionen „Anderen“, wir kriegen h├Âchstens einen Bruchteil, einen Pulsschlag – „Was war das?“ – dessen mit, was um uns herum geschieht.

Wir blicken in all die Augen, jeden Tag, in den „Spiegel der Seele“ der Menschen und wissen doch nichts davon, was diesen Menschen ausmacht.

Allein f├╝r diese, zugegeben nicht schwer erkennbare Interpretation, lohnt sich „Augen in der Gro├čstadt“ meiner Meinung nach. Es lohnt sich, mit allen Heranwachsenden einmal dieses Gedicht zu lesen und dar├╝ber zu sinnieren, was es eigentlich hei├čt, „Ich“ zu sein unter Milliarden anderer Menschen.

Um den Heranwachsenden damit vielleicht daf├╝r die Augen zu ├Âffnen, dass wir nichts vom Anderen wissen, solange wir nicht einen gr├Â├čeren Teil der uns begrenzt zur Verf├╝gung stehenden Pulsschl├Ąge daf├╝r nutzen, ihn oder sie kennenzulernen.