Johann Wolfgang von Goethe: Der Zauberlehrling

„Der Zauberlehrling“ ist vielleicht eines der berĂŒhmtesten Gedichte aller Zeiten – sogar von Disney wurde es 1940 weltbekannt adaptiert. In der Ballade aus dem Jahr 1797 geht es um den namensgebenden Zauberlehrling, der – in Abwesenheit seines Meisters – einen Zauberspruch versucht, der gehörig eskaliert.

Dieses Gedicht gehört zu den bekanntesten Werken deutscher Lyrik – hier finden Sie mehr berĂŒhmte Gedichte.

Eine Schatulle mit magischen Phiolen, die auf einem Mittelaltermarkt von einem anderen Zauberlehrling dargeboten werden.
Die ich rief, die Geister
werd ich nun nicht los.

Foto von Jan Ranft auf Unsplash

Hier finden Sie den Text des Gedichts sowie ein paar GedankensprĂŒnge dazu. Und hier finden Sie mehr Gedichte von Johann Wolfgang von Goethe.

Und hier finden Sie Naturlyrik, die auch manchmal magisch abmuten kann.

Viel Spaß!

Das Gedicht

Hat der alte Hexenmeister
sich doch einmal wegbegeben!
Und nun sollen seine Geister
auch nach meinem Willen leben.
Seine Wort und Werke
merkt ich und den Brauch,
und mit GeistesstÀrke
tu ich Wunder auch.

Walle! walle
Manche Strecke,
daß, zum Zwecke,
Wasser fließe
und mit reichem, vollem Schwalle
zu dem Bade sich ergieße.

Und nun komm, du alter Besen!
Nimm die schlechten LumpenhĂŒllen;
bist schon lange Knecht gewesen:
nun erfĂŒlle meinen Willen!
Auf zwei Beinen stehe,
oben sei ein Kopf,
eile nun und gehe
mit dem Wassertopf!

Walle! walle
manche Strecke,
daß, zum Zwecke,
Wasser fließe
und mit reichem, vollem Schwalle
zu dem Bade sich ergieße.

Seht, er lÀuft zum Ufer nieder,
Wahrlich! ist schon an dem Flusse,
und mit Blitzesschnelle wieder
ist er hier mit raschem Gusse.
Schon zum zweiten Male!
Wie das Becken schwillt!
Wie sich jede Schale
voll mit Wasser fĂŒllt!

Stehe! stehe!
denn wir haben
deiner Gaben
vollgemessen! –
Ach, ich merk es! Wehe! wehe!
Hab ich doch das Wort vergessen!

Ach, das Wort, worauf am Ende
er das wird, was er gewesen.
Ach, er lÀuft und bringt behende!
WĂ€rst du doch der alte Besen!
Immer neue GĂŒsse
bringt er schnell herein,
Ach! und hundert FlĂŒsse
stĂŒrzen auf mich ein.

Nein, nicht lÀnger
kann ichs lassen;
will ihn fassen.
Das ist TĂŒcke!
Ach! nun wird mir immer bÀnger!
Welche Miene! welche Blicke!

O du Ausgeburt der Hölle!
Soll das ganze Haus ersaufen?
Seh ich ĂŒber jede Schwelle
doch schon Wasserströme laufen.
Ein verruchter Besen,
der nicht hören will!
Stock, der du gewesen,
steh doch wieder still!

Willst am Ende
gar nicht lassen?
Will dich fassen,
will dich halten
und das alte Holz behende
mit dem scharfen Beile spalten.

Seht da kommt er schleppend wieder!
Wie ich mich nur auf dich werfe,
gleich, o Kobold, liegst du nieder;
krachend trifft die glatte SchÀrfe.
Wahrlich, brav getroffen!
Seht, er ist entzwei!
Und nun kann ich hoffen,
und ich atme frei!

Wehe! wehe!
Beide Teile
stehn in Eile
schon als Knechte
völlig fertig in die Höhe!
Helft mir, ach! ihr hohen MĂ€chte!

Und sie laufen! Naß und nĂ€sser
wirds im Saal und auf den Stufen.
Welch entsetzliches GewÀsser!
Herr und Meister! hör mich rufen! –
Ach, da kommt der Meister!
Herr, die Not ist groß!
Die ich rief, die Geister
werd ich nun nicht los.

»In die Ecke,
Besen, Besen!
Seids gewesen.
Denn als Geister
ruft euch nur
zu seinem Zwecke,
erst hervor
der alte Meister.«

Ein paar Gedanken zum Gedicht

Ich erinnere mich noch gut an die Verfilmung mit Mickey und dem magischen Besen – ich hatte sogar ein Buch, auf dessen Titelseite der kleine MĂ€usemann mit dem sternbesetzten Hut prangte.

Wenn Sie es genauer wissen wollen: Dieses Buch ist mir irgendwann, ich mag wohl vier oder fĂŒnf gewesen sein, hinter den Heizkörper in meinem Zimmer gefallen und dort festgeklemmt. Was immer auch ich versuchte, das Buch kam nicht heraus.

Da ich Ärger fĂŒrchtete, habe ich meinen Eltern nie von dem eingeklemmten Buch berichtet. Ich selbst vergaß es zunĂ€chst. Als Jugendlicher fiel mir das Buch erneut auf und, siehe da, es war ganz einfach herauszulösen. Die nötigen Skills fallen einem mit gewissem Alter dann doch leichter. Das Buch habe ich kurz durchgeblĂ€ttert und inzwischen fĂŒrchte ich, ist es im MĂŒll gelandet. Schade.

Und doch stellt es damit einen meiner ersten BerĂŒhrungspunkte zur großen Lyrik dar: Ich wusste es zwar nicht, aber die Titelseite des Buches, genau wieder Film von 1940, waren auf den berĂŒhmten „Zauberlehrling“ zurĂŒckzufĂŒhren.

Gibt es etwas Wahnsinnigeres als sich vorzustellen, dass ein Kunstwerk, das man erschafft, so sehr in die Kultur imprĂ€gniert ist, dass selbst Kindergartenkinder damit unbewusst und fast automatisch in BerĂŒhrung kommen – und das mehr als 200 Jahre spĂ€ter?

Und ist es nicht auch Wahnsinn, wenn eine Gedichtzeile, unscheinbar eingeklemmt zwischen dutzend anderen, in die eigene Sprache eingeht – als immer wiederkehrende Redewendung, so alltĂ€glich, dass man nicht einmal weiß, woher sie stammt? Denn ich gebe es zu: Trotz meines frĂŒhen Kontakts mit dem Zauberlehrling – bis kĂŒrzlich war mir nicht bekannt, dass „Die Geister, die ich rief“ aus dem Zauberlehrling stammt.

Nun, wie lautet Ihre Geschichte mit dem magischen AnfÀnger? Haben Sie ihn auch hinter der Heizung verlegt, oder wo ist er Ihnen das erste Mal untergekommen?

Zur Walpurgisnacht sieht man sie fliegen
zum Blocksberg, wo sie fluchend kreischen,
um dort zu opfern viele Schafe und auch Ziegen
und sich durchaus auch gegenseitig zu zerfleischen.

Sie tanzen, meistens nackt, um Höllenfeuer,
sie trinken Hexenmet, die liebe lange Nacht,
sie beschwören infernale Ungeheuer
und demonstrieren uns Sterblichen ihre Macht.

Am nÀchsten Tag dann sind sie recht geplÀttet.
Gegen Kater gibt’s bei Hexen noch kein Werk.
Hilft alles nicht, da gehört man rasch gebettet
nĂ€chstes Jahr geht’s wieder hoch auf den Blocksberg.

Mehr zauberhafte Halloweengedichte

Wo Sie schonmal da sind …

Wenn Sie schon den Zauberlehrling von Goethe gelesen haben, so lesen Sie doch gerne noch einige thematisch passende (jedoch meist etwas albernere) Gedichte aus der Feder des Gedichtefreunds!

Hexenwetzen

Wenn Hexen ĂŒber die Wiesen wetzen
und hinter Sterblichen herhertzen
und diese Sterblichen dann niederknallen
sich beinbrechend in Gruben fallen
dann geht’s mancher Hexe echt beschissen:
Sie plagt ein schrexliches Gewissen!
Denn wie die meisten Leute
wollen Hexen meist nur dies:
Spaß und Freude heute
und am nĂ€chsten Morgen geht’s uns mies.

Zaudernder Zauberer

Beim mir im Nachbargarten
steht ein Zauberer
ĂŒber den Zaun gebeugt.
Nachdenklich wartend –
ein echter Zauderer –
werd ich beÀugt.
„Worauf warten Sie bitte?“
frag ich den Mann,
„Ich fĂŒhle mich nackt!“
er reibt sich die Lippe
er lÀchelt, sagt dann
„Ich suche Kontakt.“
So sprechen wir dann
er ist auch ganz nett
der alte schrullige Zauberer
zaubert mir eine Blume heran
die nehme ich mit ins Bett –
Der Nachbarzauberzauderer.