Clemens Brentano: Der Spinnerin Nachtlied

Wieder eines der Romantik: „Der Spinnerin Nachtlied“ ist eines der wohl bekanntesten Gedichte dieser Epoche und entstammt der Feder Clemens Brentanos, der es 1802 verfasste. Es erzĂ€hlt von der tragischen Liebe aus der Sicht einer Spinnerin – wenn Sie wissen wollen, was sie zu sagen hat, lesen Sie gerne weiter 🙂

Dieses Gedicht gehört zu den bekanntesten Werken deutscher Lyrik – hier finden Sie mehr berĂŒhmte Gedichte

Foto einer Nachtszene, Portrait einer Frau im Profil vor dunklem Hintergrund, beleuchtet wird das Bild nur von einem großen Feuer im Hintergrund, auch die dunkle Silhouette eines Mannes ist im Hintergrund zu sehen; so stellt sich der Gedichtefreund die Frau aus "Der Spinnerin Nachtlied" heute vor.
So oft der Mond mag scheinen,
Denk‘ ich wohl dein allein.
Mein Herz ist klar und rein,
Gott wolle uns vereinen.

Foto von Anders Nord auf Unsplash

Beim Gedichtefreund finden Sie viele weitere (durchaus deutlich modernere) Liebesgedichte. Mehr Lyrik von Clemens Brentano finden Sie hier.

Viel Spaß!

Das Gedicht

Es sang vor langen Jahren
Wohl auch die Nachtigall,
Das war wohl sĂŒĂŸer Schall,
Da wir zusammen waren.

Ich sing‘ und kann nicht weinen,
Und spinne so allein
Den Faden klar und rein
So lang der Mond wird scheinen.

Als wir zusammen waren
Da sang die Nachtigall
Nun mahnet mich ihr Schall
Daß du von mir gefahren.

So oft der Mond mag scheinen,
Denk‘ ich wohl dein allein.
Mein Herz ist klar und rein,
Gott wolle uns vereinen.

Seit du von mir gefahren,
Singt stets die Nachtigall,
Ich denk‘ bei ihrem Schall,
Wie wir zusammen waren.

Gott wolle uns vereinen
Hier spinn‘ ich so allein,
Der Mond scheint klar und rein,
Ich sing‘ und möchte weinen.

K(l)eine Analyse

ZunĂ€chst die Warnung: Bitte erwarten Sie keine echte Analyse von „Der Spinnerin Nachtlied“ an dieser Stelle – fĂŒr echte Interpretationen und Auseinandernehmungen bin ich nicht bekannt und verweise sie daher gerne an das Antikörperchen, wo wie immer profundere Sichtweisen zu finden sind.

Nein, an dieser Stelle ist nur Platz fĂŒr zusammenhangslose Gedanken, kommen Sie doch gerne mit auf die kurze Reise (und machen Sie sich Ihre eigenen Gedanken!)

Brentano war also einer der bedeutendsten Dichter der Romantik, so sei auch dieses Gedicht der Romantik zwanglos zuzuordnen, so liest man ĂŒberall. Und es ist ja auch romantisch, beschreibt es doch offenbar die Liebe einer Frau zu ihrem verstorbenen, naja, was denn, vielleicht Mann? Freund? Geliebten? Ehrlich gesagt könnte es auch eine andere Frau sein, eine Geliebte vielleicht, oder eine Verwandte, ein Kind sogar.

Wer auch immer es war – er oder sie ist vergangen, und die Spinnerin trauert. Ich finde es ungemein interessant, warum Brentano gerade eine „Spinnerin“ fĂŒr dieses Gedicht gewĂ€hlt hat. Vielleicht, weil sie den Faden unendlich weiterspinnt, der Faden ihrer Liebe jedoch vorzeitig gerissen ist? Der Faden geht weiter, das Leben geht weiter – aber ihr eigenes Leben wurde mehr oder weniger beendet, als der Faden der geliebten Person gerissen ist?

Nun, wir können Brentano nicht fragen. Aber ich wĂŒsste schon gern, ob das der Sinn hinter der Wahl der „Spinnerin“ war, oder ob er vielleicht selbst eine Spinnerin kannte, die er mochte?

DarĂŒber hinaus ist „Der Spinnerin Nachtlied“ sicherlich ein feines Gedicht. Und wie immer muss man sagen: Es ist nicht so, dass nicht zehntausende Gedichte in allen Sprachen der Welt ganz Ă€hnliche Geschichten erzĂ€hlen, vielleicht sogar besser, rein objektiv betrachtet. Aber Brentano war eben nunmal einer der ersten, die auf diese Weise gedichtet haben, so wie ein Mark Rothko vor vielen Jahren damit davonkam, langweilige einfarbige Quadrate auf weißes Papier zu malen – heute wĂŒrde danach kein Hahn mehr krĂ€hen.

Aber vielleicht weckt das Gedicht in Ihnen ja viel mehr, als es das in mir tut – was meinen Sie? Können Sie sich in der Spinnerin wiederfinden? Interpretieren Sie das Gedicht auf eine spezielle Weise oder gefĂ€llt Ihnen einfach der Rhythmus? Und jetzt, wo Sie schonmal in Stimmung sind, wĂŒnschen Sie sich mehr Liebesgedichte zum Weinen?

Wie immer bin ich außerordentlich gespannt darauf zu erfahren, was meine Leser*innen wohl von diesem lyrischen Werk halten. Schreiben Sie mir doch einfach eine Mail an tobi@gedichtefreund.de

Danke!

Monde

StĂŒnden zwei Monde am Himmel –
stĂŒnden nicht unendlich Sterne dort
sondern einer
dann stĂŒrzten die Monde sich in ein Gewimmel
und stritten
„der Stern, das ist meiner“.

Am Ende tÀt vielleicht einer gewinnen
und der andere Mond
kracht entzwei
dann sagt wohl der Stern
„ihr seid doch von Sinnen“
packt die Sachen,
und winkt kurz bye-bye.

Die ist nun natĂŒrlich eine Allegorie
oder Methapher,
ist mir auch egal.
fĂŒr die Menschheit, und wie
manchmal er, manchmal sie
sorgt einander fĂŒr unnĂŒtze Qual.

Der Spinnerin Taglied

Wie die Spinn’rin am Morgen drauf aufwachen tut
und zur Decke sich reckt und auch streckt
heiser, die Augen gerÀndert von Blut
die wache Nacht in den Knochen ihr steckt.

„Sah alles so dĂŒster aus in letztriger Nacht..
so nach Sehnsucht und Melancholie!
Hab mir vielleicht zu viele TrÀnen gedacht
ich bin schon ein dramatisches Vieh.“

Der Mond ist auch schon lÀngst untergegangen
und draußen ruft Schweine der Knecht
dem sein Herz nimmt die Spinn’rin alsbald gefangen
der ist nÀmlich ein ganz steiler Hecht.

(ein Parallelgedicht)