Parallelgedichte

Ein Parallelgedicht ist ein Gedicht, das sich an eine (meist relativ bekannten) Vorlage anlehnt – also es in gewisser Weise imitiert, nachahmt, vielleicht auch persifliert oder sich im weitesten Sinne davon anregen lässt.

Zwei Ströche fliegen nah aneinander in einer parallelen Formation - als Sinnbild für die Parallgedichte dieses Artikels.
Parallegedichte können sehr nah aneinander aufgebaut sein, oder sich eher entfernt daran orientieren.
Foto von Patrick Hendry auf Unsplash

Eines der bekanntesten solcher Werke – in diesem Fall eine wunderschöne Verballhornung – ist vielleicht diese Rendition von „Die Glocke“ von Friedrich Schiller, einem Werk mit mehreren Dutzend Versen:

„Form gegossen
Bronze rinn
Glocke fertig
bim bim bim.“

unbekannter Autor

Auch sehr bekannt und beliebt gerade bei Schülern ist das Gedicht „Inventur“ von Günther Eich. Es beschreibt die Besitztümer des Lyrikers in Kriegsgefangenschaft, die für ihn – trotz ihrer Profanität – sehr wichtig werden. Häufig sollen Schüler in der Grundschule Parallelgedichte in Anlehnung an dieses Meisterstück schreiben. Mit, nach meiner Auffassung, zum Scheitern verurteilter Anstrengung, da dabei nur noch mehr Profanität herauskommen kann, wenn man nicht selbst in Kriegsgefangenschaft sitzt.

Sei’s drum: Wie schreibt man denn nun ein Parallelgedicht?

Ein Parallelgedicht schreiben

Es ist eigentlich ganz einfach, es gibt jedoch verschiedene Arten, ein Parallelgedicht zu verfassen. Zunächst braucht man natürlich eine Vorlage – am Besten nimmt man dafür zu Beginn ein kurzes Gedicht, das man im Idealfall auch noch selber mag.

Wie wäre es zum Beispiel mit „Über allen Gipfeln“, vom Meister Goethe persönlich?

Ueber allen Gipfeln
Ist Ruh‘,
In allen Wipfeln
Spürest Du
Kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen im Walde.
Warte nur! Balde
Ruhest du auch.

Sie können hier nun eine Parodie dichten, wie viele vor Ihnen es getan haben: Zum Beispiel Joachim Ringelnatz am Ende seines Gedichts „Abendlied einer erkälteten N*in“:

Drüben am Walde
Kängt ein Guruh – –
Warte nur balde
Kängurst auch du.

Manche Quellen behaupten, ein Parallelgedicht habe sich möglichst nah am Original zu halten. Das halte ich für etwas übertrieben. Nur weil das mal in irgendeinem schlauen Buch gestanden haben soll – was hält Sie davon ab, sich weiter vom Original zu entfernen, und es trotzdem Parallelgedicht zu nennen? Eben. Sie sind doch Künstler*in. Also los:

„Über allen Gipfeln
ist Ruh“

Um das Gedicht gleich zu Beginn wiedererkennbar zu machen, halten wir uns in einigen Worten am Text. Behalten wir mal das „allen“ und den „uh“-Laut am Ende:

„In allen Kühen
ist Muh.“

Sie sehen schon, es wird nicht allzu ernst zugehen in diesem Beispiel.

Bei Goethe haben wir ein kleines „ABAB“-Schema hier am Anfang, also bauen wir das mal nach:

„In allen Kühen
ist Muh.
Mit sehr vielen Mühen
schmeckest du“

Tja, was schmecken wir denn? Sind wir mal spontan und geben den Kühen mühevoll Lauch zu fressen, denn das reimt sich auf Goethes „Hauch“.

„In allen Kühen
ist Muh.
Mit sehr vielen Mühen
schmeckest du
leckeren Lauch.“

„Die Vögelein schweigen im Walde / warte nur, balde / ruhest du auch“ – heißt es weiter. Wir brauchen also wieder Tiere, wir brauchen einen Reim und wir brauchen einen weiteren Reim auf den Lauch. Vielleicht übernehmen wir einfach das „auch“? Also los, Endspurt!

„In allen Kühen
ist Muh.
Mit sehr vielen Mühen
schmeckest du
leckeren Lauch.
Die Kühen kauen auf Weiden.
Warte nur! Balde
diesen Lauch kaust du auch.“

Nun, am Ende ist uns vielleicht der Sinn ein bisschen verunglückt, aber nichtsdestotrotz ist es ein Gedicht, oder? So ungefähr können Sie ein Parallelgedicht schreiben – natürlich auch sehr viel ernster, als in diesem Beispiel.

Parallelgedicht Beispiele

Nun folgen einige Beispiele die Sie, wenn Sie wollen, ebenfalls als Anregung nutzen dürfen. Es kommen noch mehr dazu – wenn ich dazu komme 🙂

Erlkönig

Wer knattert so spät mit dem Mofa umher?
Es ist ein Mann, dahinter ein Bär.
Im Arm trägt der Mann einen Honigtopf
er hält ihn sicher, mit hochrotem Kopf.

Aber Mann, wo hast du den Honig geklaut?
– Ich geb’s zu, da hab ich Mist gebaut.
Der Bär hatte ihn, mit großem Genuss,
gestohlen aus einem Imkerei-Bus.

„Du Dieb, komm, bleib mir stehen
dann werd‘ ich mich nicht an dir vergehen!
Gib mir den Honig, sonst bereust du es sehr!“
ruft da hinter ihm her der Braunbär.

Aber Mann, warum bleibst du bloß nicht stehen?
Kannst das Maul des Bären nicht sehen?
– Ganz ruhig, bleibe ruhig, lieber Erzähler,
ich bin mir sicher, es ist kein Fehler.

„Kein Fehler, sagst du, und glaubst es auch noch?
Meine Töchter und Söhne werden dich lehren, dass doch,
meine Söhne beißen ihre Zähne in dich,
und holen zurück diesen Honig für mich.“

Aber Mann, gib ihm doch das Süße!
Siehst du nicht seine kräftigen Füße?
– Lieber Erzähler, er ist doch noch fern
und weiß du nicht, wie esse ich Honig so gern?

„Ich liebe den Honig, mich reizt sein hoher Zuckergehalt!
Gib ihn mir, sonst brauch‘ ich Gewalt!“
Aber Mann, wirf den Topf, jetzt hat er dich gleich!
Der Bär macht sekündlich aus dir eine Leich‘!

Dem Manne grausets, doch er hält den Topf
da packt der Bär ihn schlussendlich am Zopf.
Er zieht ihn vom Mofa, oh Schrecken, oh Graus!
Und leckt in Sekunden den Honigtopf aus.

Der Mann läuft davon, so endet’s Gedicht,
zum Glück endet’s so wie der Erlkönig nicht.

Der Panther im TV

Parallelgedicht zu „Der Panther“ von Rainer Maria Rilke

Sein Blick ist vom Geflimmer dieser Kiste
so fahl geworden, dass er nichts mehr weiß
Ihm ist, als ob es nur Probleme gäbe
und die Welt sich laufend dreht im Kreis.

Der stete Strom gewalttätiger Bilder
wo es nur um Geld und Macht und Götter geht
ist wie ein Sog, der täglich etwas wilder
den Mann ins willenlose Jenseits zieht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos zu -. Dann geht kein Bild mehr rein.
Dann ist im Haus kurz angenehme Stille –
dann schaltet er den Fernseher wieder ein.

annas affe

(Parallelgedicht zu „ottos mops“ von Ernst Jandl)

annas affe äfft
anna: ab affe ab
annas affe hat angst
anna: aha

anna angelt aal
anna malt ananas
anna ahnt
anna: affe affe
anna atmet

annas affe rannte
anna: warte affe warte
annas affe wartet
annas affe kackt
anna: ach was

Herbsttag

Herr,
wann ist Zeit?
Ich bin nicht gerade groß
ich besitze schon sechzehn Rolexuhren
und trotzdem ist bei mir nichts los

Mir fiel letztens das Wort für Obst nicht ein
meine südländische Frau hat ständig ihre Tage
sie ist mir nicht mal böse wenn ich jage
nach süßen Frau’n und schwerem Wein

Einen freundschaftlichen Joint baut mir schon lange keiner mehr
fühl mich allein, das wird wohl lang so bleiben
kann nicht mal „Opst“ mehr richtig schreiben
in meinem Kopf geht’s hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

(Ein Parallelgedicht zu „Herbsttag“ von Rainer Maria Rilke)