Friedrich Schiller: Das Lied von der Glocke

„Die Glocke“ von Friedrich Schiller ist eines der berĂŒhmtesten (und vielleicht lĂ€ngsten 😉) deutschen Gedichte. Es stammt aus dem Jahr 1800 und beschreibt nichts anderes als den Bau einer Glocke – mit allerlei Bezug zum Leben der Menschen an sich.

Dieses Gedicht gehört zu den bekanntesten Werken deutscher Lyrik – hier finden Sie mehr berĂŒhmte Gedichte.

Eine kupferne, patinabehafte Glocke als Symbolbild fĂŒr Die Glocke von Schiller
Drum prĂŒfe, wer sich ewig bindet,
Ob sich das Herz zum Herzen findet!
Foto von Markus Winkler auf Unsplash

Hierr finden Sie den gesamten Text des Gedichts sowie ein paar kurze Gedanken. Und hier finden Sie mehr Gedichte von Friedrich Schiller.

Lesen Sie auch mehr Gedichte ĂŒber das Leben.

Viel Spaß!

Das Gedicht

Vivos voco. Mortuos plango. Fulgura frango.

Fest gemauert in der Erden
Steht die Form aus Lehm gebrannt.
Heute muß die Glocke werden!
Frisch, Gesellen, seyd zur Hand!
Von der Stirne heiß
Rinnen muß der Schweiß,
Soll das Werk den Meister loben;
Doch der Segen kommt von oben.

Zum Werke, das wir ernst bereiten,
Geziemt sich wohl ein ernstes Wort;
Wenn gute Reden sie begleiten,
Dann fließt die Arbeit munter fort.
So laßt uns jetzt mit Fleiß betrachten,
Was durch die schwache Kraft entspringt;
Den schlechten Mann muß man verachten,
Der nie bedacht, was er vollbringt.
Das ist’s ja, was den Menschen zieret,
Und dazu ward ihm der Verstand,
Daß er im innern Herzen spĂŒret,
Was er erschafft mit seiner Hand.

Nehmet Holz vom Fichtenstamme,
Doch recht trocken laßt es seyn,
Daß die eingepreßte Flamme
Schlage zu dem Schwalch hinein.
Kocht des Kupfers Brei!
Schnell das Zinn herbei,
Daß die zĂ€he Glockenspeise
Fließe nach der rechten Weise!

Was in des Dammes tiefer Grube
Die Hand mit Feuers HĂŒlfe baut,
Hoch auf des Thurmes Glockenstube
Da wird es von uns zeugen laut.
Noch dauern wird’s in spĂ€ten Tagen
Und rĂŒhren vieler Menschen Ohr,
Und wird mit dem BetrĂŒbten klagen
Und stimmen zu der Andacht Chor.
Was unten tief dem Erdensohne
Das wechselnde VerhĂ€ngniß bringt,
Das schlÀgt an die metallne Krone,
Die es erbaulich weiter klingt.

Weiße Blasen seh’ ich springen,
Wohl! die Massen sind im Fluß.
Laßt’s mit Aschensalz durchdringen,
Das befördert schnell den Guß.
Auch von Schaume rein
Muß die Mischung seyn,
Daß vom reinlichen Metalle
Rein und voll die Stimme schalle.

Denn mit der Freude Feierklange
BegrĂŒĂŸt sie das geliebte Kind
Auf seines Lebens erstem Gange,
Den es in Schlafes Arm beginnt;
Ihm ruhen noch im Zeitenschooße
Die schwarzen und die heitern Loose;
Der Mutterliebe zarte Sorgen
Bewachen seinen goldnen Morgen –
Die Jahre fliehen pfeilgeschwind.
Vom MĂ€dchen reißt sich stolz der Knabe,
Er stĂŒrmt ins Leben wild hinaus,
Durchmißt die Welt am Wanderstabe,
Fremd kehrt er heim ins Vaterhaus.
Und herrlich, in der Jugend Prangen,
Wie ein Gebild aus Himmelshöhn,
Mit zĂŒchtigen, verschĂ€mten Wangen
Sieht er die Jungfrau vor sich stehn.
Da faßt ein namenloses Sehnen
Des JĂŒnglings Herz, er irrt allein,
Aus seinen Augen brechen ThrÀnen,
Er flieht der BrĂŒder wilder Reihn.
Erröthend folgt er ihren Spuren
Und ist von ihrem Gruß beglĂŒckt,
Das Schönste sucht er auf den Fluren,
Womit er seine Liebe schmĂŒckt.
O zarte Sehnsucht, sĂŒĂŸes Hoffen,
Der ersten Liebe goldne Zeit,
Das Auge sieht den Himmel offen,
Es schwelgt das Herz in Seligkeit;
O daß sie ewig grĂŒnen bliebe,
Die schöne Zeit der jungen Liebe!

Wie sich schon die Pfeifen brÀunen!
Dieses StĂ€bchen tauch’ ich ein,
Sehn wir’s ĂŒberglast erscheinen,
Wird’s zum Gusse zeitig seyn,
Jetzt, Gesellen, frisch!
PrĂŒft mir das Gemisch,
Ob das Spröde mit dem Weichen
Sich vereint zum guten Zeichen.

Denn wo das Strenge mit dem Zarten,
Wo Starkes sich und Mildes paarten,
Da gibt es einen guten Klang.
Drum prĂŒfe, wer sich ewig bindet,
Ob sich das Herz zum Herzen findet!
Der Wahn ist kurz, die Reu’ ist lang.
Lieblich in der BrÀute Locken
Spielt der jungfrÀuliche Kranz,
Wenn die hellen Kirchenglocken
Laden zu des Festes Glanz.
Ach! des Lebens schönste Feier
Endigt auch den Lebensmai,
Mit dem GĂŒrtel, mit dem Schleier
Reißt der schöne Wahn entzwei.
Die Leidenschaft flieht,
Die Liebe muß bleiben;
Die Blume verblĂŒht,
Die Frucht muß treiben.
Der Mann muß hinaus
Ins feindliche Leben,
Muß wirken und streben
Und pflanzen und schaffen,
Erlisten, erraffen,
Muß wetten und wagen,
Das GlĂŒck zu erjagen.
Da strömet herbei die unendliche Gabe,
Es fĂŒllt sich der Speicher mit köstlicher Habe,
Die RĂ€ume wachsen, es dehnt sich das Haus.
Und drinnen waltet
Die zĂŒchtige Hausfrau,
Die Mutter der Kinder,
Und herrschet weise
Im hÀuslichen Kreise,
Und lehret die MĂ€dchen
Und wehret den Knaben,
Und reget ohn’ Ende
Die fleißigen HĂ€nde,
Und mehrt den Gewinn
Mit ordnendem Sinn,
Und fĂŒllet mit SchĂ€tzen die duftenden Laden,
Und dreht um die schnurrende Spindel den Faden,
Und sammelt im reinlich geglÀtteten Schrein
Die schimmernde Wolle, den schneeigten Lein,
Und fĂŒget zum Guten den Glanz und den Schimmer,
Und ruhet nimmer.

Und der Vater mit frohem Blick
Von des Hauses weitschauendem Giebel
UeberzĂ€hlet sein blĂŒhend GlĂŒck,
Siehet der Pfosten ragende BĂ€ume
Und der Scheunen gefĂŒllte RĂ€ume
Und die Speicher, vom Segen gebogen,
Und des Kornes bewegte Wogen,
RĂŒhmt sich mit stolzem Mund:
Fest, wie der Erde Grund,
Gegen des UnglĂŒcks Macht
Steht mir des Hauses Pracht!
Doch mit des Geschickes MĂ€chten
Ist kein ew’ger Bund zu flechten,
Und das UnglĂŒck schreitet schnell.

Wohl! nun kann der Guß beginnen,
Schön gezacket ist der Bruch.
Doch bevor wir’s lassen rinnen,
Betet einen frommen Spruch!
Stoßt den Zapfen aus!
Gott bewahr’ das Haus!
Rauchend in des Henkels Bogen
Schießt’s mit feuerbraunen Wogen.

WohlthÀtig ist des Feuers Macht,
Wenn sie der Mensch bezÀhmt, bewacht,
Und was er bildet, was er schafft,
Das dankt er dieser Himmelskraft;
Doch furchtbar wird die Himmelskraft,
Wenn sie der Fessel sich entrafft,
Einhertritt auf der eignen Spur
Die freie Tochter der Natur.
Wehe, wenn sie losgelassen
Wachsend ohne Widerstand
Durch die volkbelebten Gassen
WĂ€lzt den ungeheuren Brand!
Denn die Elemente hassen
Das Gebild der Menschenhand.
Aus der Wolke
Quillt der Segen,
Strömt der Regen;
Aus der Wolke, ohne Wahl,
Zuckt der Strahl.
Hört ihr’s wimmern hoch vom Thurm?
Das ist Sturm!
Roth, wie Blut,
Ist der Himmel;
Das ist nicht des Tages Glut!
Welch GetĂŒmmel
Straßen auf!
Dampf wallt auf!
Flackernd steigt die FeuersÀule,
Durch der Straße lange Zeile
WĂ€chst es fort mit Windeseile;
Kochend, wie aus Ofens Rachen,
GlĂŒhn die LĂŒfte, Balken krachen,
Pfosten stĂŒrzen, Fenster klirren,
Kinder jammern, MĂŒtter irren,
Thiere wimmern
Unter TrĂŒmmern;
Alles rennet, rettet, flĂŒchtet,
Taghell ist die Nacht gelichtet;
Durch der HĂ€nde lange Kette
Um die Wette
Fliegt der Eimer, hoch im Bogen
Spritzen Quellen Wasserwogen.
Heulend kommt der Sturm geflogen,
Der die Flamme brausend sucht;
Prasselnd in die dĂŒrre Frucht
FĂ€llt sie in des Speichers RĂ€ume,
In der Sparren dĂŒrre BĂ€ume,
Und als wollte sie im Wehen
Mit sich fort der Erde Wucht
Reißen, in gewalt’ger Flucht,
WÀchst sie in des Himmels Höhen
Riesengroß!
Hoffnungslos
Weicht der Mensch der GötterstÀrke,
MĂŒĂŸig sieht er seine Werke
Und bewundernd untergehen.

Leergebrannt
Ist die StÀtte,
Wilder StĂŒrme rauhes Bette.
In den öden Fensterhöhlen
Wohnt das Grauen,
Und des Himmels Wolken schauen
Hoch hinein.


Einen Blick
Nach dem Grabe
Seiner Habe
Sendet noch der Mensch zurĂŒck –
Greift fröhlich dann zum Wanderstabe.
Was Feuers Wuth ihm auch geraubt,
Ein sĂŒĂŸer Trost ist ihm geblieben,
Er zÀhlt die HÀupter seiner Lieben,
Und sieh! ihm fehlt kein theures Haupt.

In die Erd’ ist’s aufgenommen,
GlĂŒcklich ist die Form gefĂŒllt;
Wird’s auch schön zu Tage kommen,
Daß es Fleiß und Kunst vergilt?
Wenn der Guß mißlang?
Wenn die Form zersprang?
Ach, vielleicht indem wir hoffen,
Hat uns Unheil schon getroffen.

Dem dunklen Schooß der heilgen Erde
Vertrauen wir der HĂ€nde That,
Vertraut der SĂ€mann seine Saat
Und hofft, daß sie entkeimen werde
Zum Segen, nach des Himmels Rath.
Noch köstlicheren Samen bergen
Wir trauernd in der Erde Schooß
Und hoffen, daß er aus den SĂ€rgen
ErblĂŒhen soll zu schönerm Loos.

Von dem Dome,
Schwer und bang,
Tönt die Glocke
Grabgesang.
Ernst begleiten ihre TrauerschlÀge
Einen Wandrer auf dem letzten Wege.

Ach! die Gattin ist’s, die theure,
Ach! es ist die treue Mutter,
Die der schwarze FĂŒrst der Schatten
WegfĂŒhrt aus dem Arm des Gatten,
Aus der zarten Kinder Schaar,
Die sie blĂŒhend ihm gebar,
Die sie an der treuen Brust
Wachsen sah mit Mutterlust –
Ach! des Hauses zarte Bande
Sind gelöst auf immerdar;
Denn sie wohnt im Schattenlande,
Die des Hauses Mutter war;
Denn es fehlt ihr treues Walten,
Ihre Sorge wacht nicht mehr;
An verwaister StÀtte schalten
Wird die Fremde, liebeleer.

Bis die Glocke sich verkĂŒhlet,
Laßt die strenge Arbeit ruhn.
Wie im Laub der Vogel spielet,
Mag sich jeder gĂŒtlich thun.
Winkt der Sterne Licht,
Ledig aller Pflicht,
Hört der Bursch die Vesper schlagen;
Meister muß sich immer plagen.

Munter fördert seine Schritte
Fern im wilden Forst der Wandrer
Nach der lieben HeimathĂŒtte.
Blökend ziehen heim die Schafe,
Und der Rinder
Breitgestirnte, glatte Schaaren
Kommen brĂŒllend,
Die gewohnten StĂ€lle fĂŒllend.
Schwer herein
Schwankt der Wagen,
Kornbeladen,
Bunt von Farben,
Auf den Garben
Liegt der Kranz,
Und das junge Volk der Schnitter
Fliegt zum Tanz.
Markt und Straße werden stiller,
Um des Lichts gesell’ge Flamme
Sammeln sich die Hausbewohner,
Und das Stadtthor schließt sich knarrend.
Schwarz bedecket
Sich die Erde;
Doch den sichern BĂŒrger schrecket
Nicht die Nacht,
Die den Bösen grĂ€ĂŸlich wecket;
Denn das Auge des Gesetzes wacht.

Heilge Ordnung, segenreiche
Himmelstochter, die das Gleiche
Frei und leicht und freudig bindet,
Die der StĂ€dte Bau begrĂŒndet,
Die herein von den Gefilden
Rief den ungesell’gen Wilden,
Eintrat in der Menschen HĂŒtten,
Sie gewöhnt zu sanften Sitten
Und das theuerste der Bande
Wob, den Trieb zum Vaterlande!

Tausend fleiß’ge HĂ€nde regen,

Helfen sich in munterm Bund,
Und in feurigem Bewegen
Werden alle KrÀfte kund.
Meister rĂŒhrt sich und Geselle
In der Freiheit heil’gem Schutz;
Jeder freut sich seiner Stelle,
Bietet dem VerÀchter Trutz.
Arbeit ist des BĂŒrgers Zierde,
Segen ist der MĂŒhe Preis;
Ehrt den König seine WĂŒrde,
Ehret uns der HĂ€nde Fleiß.

Holder Friede,
SĂŒĂŸe Eintracht,
Weilet, weilet
Freundlich ĂŒber dieser Stadt!
Möge nie der Tag erscheinen,
Wo des rauhen Krieges Horden
Dieses stille Thal durchtoben;
Wo der Himmel,
Den des Abends sanfte Röthe
Lieblich malt,
Von der Dörfer, von der StÀdte
Wildem Brande schrecklich strahlt!

Nun zerbrecht mir das GebÀude,
Seine Absicht hat’s erfĂŒllt,
Daß sich Herz und Auge weide
An dem wohlgelungnen Bild.
Schwingt den Hammer, schwingt,
Bis der Mantel springt,
Wenn die Glock’ soll auferstehen,
Muß die Form in StĂŒcken gehen.

Der Meister kann die Form zerbrechen
Mit weiser Hand, zur rechten Zeit;
Doch wehe, wenn in FlammenbÀchen
Das glĂŒhnde Erz sich selbst befreit!
BlindwĂŒthend mit des Donners Krachen
Zersprengt es das geborstne Haus,
Und wie aus offnem Höllenrachen
Speit es Verderben zĂŒndend aus.
Wo rohe KrÀfte sinnlos walten,
Da kann sich kein Gebild gestalten;
Wenn sich die Völker selbst befrein,
Da kann die Wohlfahrt nicht gedeihn.

Weh, wenn sich in dem Schooß der StĂ€dte
Der Feuerzunder still gehÀuft,
Das Volk, zerreißend seine Kette,
Zur Eigenhilfe schrecklich greift!
Da zerret an der Glocken StrÀngen
Der Aufruhr, daß sie heulend schallt
Und, nur geweiht zu FriedensklÀngen,
Die Losung anstimmt zur Gewalt.

Freiheit und Gleichheit! hört man schallen;
Der ruh’ge BĂŒrger greift zur Wehr,
Die Straßen fĂŒllen sich, die Hallen,
Und WĂŒrgerbanden ziehn umher,
Da werden Weiber zu HyÀnen
Und treiben mit Entsetzen Scherz;
Noch zuckend, mit des Panthers ZĂ€hnen,
Zerreißen sie des Feindes Herz.
Nichts Heiliges ist mehr, es lösen
Sich alle Bande frommer Scheu;
Der Gute rÀumt den Platz dem Bösen,
Und alle Laster walten frei.
GefĂ€hrlich ist’s, den Leu zu wecken,
Verderblich ist des Tigers Zahn;
Jedoch der schrecklichste der Schrecken,
Das ist der Mensch in seinem Wahn.
Weh denen, die dem Ewigblinden
Des Lichtes Himmelsfackel leihn!
Sie strahlt ihm nicht, sie kann nur zĂŒnden
Und Ă€schert StĂ€dt’ und LĂ€nder ein.

Freude hat mir Gott gegeben!
Sehet! Wie ein goldner Stern
Aus der HĂŒlse, blank und eben,
SchÀlt sich der metallne Kern.
Von dem Helm zum Kranz
Spielt’s wie Sonnenglanz,
Auch des Wappens nette Schilder
Loben den erfahrnen Bilder.

Herein! herein!
Gesellen alle, schließt den Reihen,
Daß wir die Glocke taufend weihen,
Concordia soll ihr Name seyn,
Zur Eintracht, zu herzinnigem Vereine
Versammle sie die liebende Gemeine.

Und dies sey fortan ihr Beruf,
Wozu der Meister sie erschuf:
Hoch ĂŒberm niedern Erdenleben
Soll sie im blauen Himmelszelt,
Die Nachbarin des Donners, schweben
Und grÀnzen an die Sternenwelt,
Soll eine Stimme seyn von oben,
Wie der Gestirne helle Schaar,
Die ihren Schöpfer wandelnd loben
Und fĂŒhren das bekrĂ€nzte Jahr.
Nur ewigen und ernsten Dingen
Sey ihr metallner Mund geweiht,
Und stĂŒndlich mit den schnellen Schwingen
BerĂŒhr’ im Fluge sie die Zeit.
Dem Schicksal leihe sie die Zunge;
Selbst herzlos, ohne MitgefĂŒhl,
Begleite sie mit ihrem Schwunge
Des Lebens wechselvolles Spiel.
Und wie der Klang im Ohr vergehet,
Der mÀchtig tönend ihr entschallt,
So lehre sie, daß nichts bestehet,
Daß alles Irdische verhallt.

Jetzo mit der Kraft des Stranges
Wiegt die Glock’ mir aus der Gruft,
Daß sie in das Reich des Klanges
Steige, in die Himmelsluft!
Ziehet, ziehet, hebt!
Sie bewegt sich, schwebt.
Freude dieser Stadt bedeute,
Friede sey ihr erst GelÀute.

Gedanken zum Gedicht

Wann liest man heute noch ein so langes Gedicht? Und warum liest man so ein altertĂŒmliches – ich möchte fast sagen alterthĂŒmliches (denn es ist schon so alt, dass da ein zusĂ€tzliches „H“ stehen mĂŒsste) – Gedicht auch heute noch in der Schule? Warum wurde es so hĂ€ufig parodiert, warum ist es ĂŒberhaupt so bekannt? Die Glocke – Schiller’s Meister- und nachhallend berĂŒchtigtes Werk.

Ich kann mir das, aus heutiger Sicht, nur so erklÀren: Es gab nichts anderes.

(Mein seliger Großonkel Willi, alter und auch etwas alterthĂŒmlicher Deutschlehrer und Literaturkenner, schlĂ€gt nun im Himmel die HĂ€nde ĂŒber den Kopf zusammen: Wie kann der Großneffe – sich selbst als Gedichtefreund bezeichnend – so etwas von sich geben? Ich erklĂ€re es gern.)

Nun sind wir heute an einem Punkt, wo wir so viel kurz- und lĂ€ngerfristige Unterhaltung konsumieren können, wie wir nur wollen. Oder nicht ganz: Es gibt nĂ€mlich so unglaublich viel zu viel Unterhaltung auf der Welt, dass selbst 100.000 Menschenleben wohl nicht ausreichen wĂŒrden, sie zu konsumieren.

Und nicht nur gibt es so unglaublich viel, nein, wir haben auch noch stĂ€ndig darauf Zugriff: Filme ĂŒber Netflix und Konsorten, BĂŒcher ĂŒber Kindle und sogar zum Hören (das Lesen ist aber auch furchtbar anstrengend) ĂŒber Audible und wie die Anbieter alle heißen, Zeitungen aus aller Welt online ĂŒber deren Angebote, Myriaden austauschbare und nicht ganz so austauschbare MusikstĂŒcke – wofĂŒr soll man sich ĂŒberhaupt entscheiden?

Ganz anders da die Welt vor 200 Jahren: Da hatte man ja sonst nichts. Da konnte man mal eine Bibel lesen oder das ein oder andere Flugblatt, zumindest, wenn man ĂŒberhaupt lesen konnte. Und ab und zu schrieb auch mal ein Goethe oder jemand anders ein Gedicht, wer es sich leisten konnte, wĂŒrde wohl auch mal ins Theater gegangen sein – aber das war doch alles selten!

Und da kann man dann auch mal ein langes Gedicht schreiben. Wo sich der typische Smartphone-Dopamin-Suchti heute höchstens drei Verse lang konzentrieren kann und von der Lehrerin gerade noch so auf die Zeile mit dem „Drum prĂŒfe wer sich ewig bindet“ verwiesen wird („Ey das hab ich schon mal gehört!“), hatte man damals noch die Muße – und vielleicht auch die Zeit? – vor allem aber die Konzentration auf so einen Brecher von einem Gedicht, ohne dass man stĂ€ndig von der nĂ€chsten Nachricht, der nĂ€chsten Serie, dem nĂ€chsten True-Crime-Hörbuch und dem ewigen Scroll of Doom auf Instagram, Facebook etc. abgelenkt wurde.

Dies ist meine Vermutung, warum „Die Glocke“ von Schiller so berĂŒhmt geworden ist. HĂ€tte er es heute geschrieben – so Leid es mir tut, Onkel Willi – es wĂ€re wohl im milliardenfachen Rauschen und Stimmengewirr der Menschheit ganz anders als die Glocke: nĂ€mlich sang- und klanglos, untergegangen.

Übrigens: Die Glocke ist aufgrund ihrer Bekanntheit und MonumentalitĂ€t recht hĂ€ufig Opfer von Parodien und Parallelgedichten geworden.

Dies ist nur ein kleines Gedicht
ĂŒber Sterne und Planeten.
Die meisten davon sieht man nicht:
Doch sie hÀngen in riesigen Paketen
am Himmel, ganz weit fern.
Dort drehen sie sich immerzu
ob Planet, Komet, ob hellster Stern,
man fragt sich manchmal schon, wozu
und ob sie je anhalten.
Dann liegt man da, nachts auf dem RĂŒcken
auf dem weichen und dem kalten
Boden, nur umspielt von MĂŒcken
ohne Lampen, ohne Kerze
man sieht vorbei an all den Sternen
und sieht noch tiefer in die SchwÀrze
und scheint sich weiter zu entfernen
von allem, was dem Menschen lieb.
Und man fragt sich, wohin alles fĂŒhrt
und man fragt sich, wofĂŒr es uns gibt
und wie es dann den Hals zuschnĂŒrt
steht man auf und geht hinein.
Im Kopf noch Sterne und Planeten
und man ist ganz froh, noch hier zu sein
und nicht dort oben, in Raketen
und man legt sich hin, schlÀft langsam ein
trÀumt ein paar unruhige TrÀume,
trÀumt von unstetem Planetenschein.
Und schlĂ€gt tieftraurig-glĂŒcklich PurzelbĂ€ume.
Gedicht ĂŒber Sterne und Planeten