Friedrich Schiller: Das Lied von der Glocke

„Die Glocke“ von Friedrich Schiller ist eines der berĂĽhmtesten (und vielleicht längsten ?) deutschen Gedichte. Es stammt aus dem Jahr 1800 und beschreibt nichts anderes als den Bau einer Glocke – mit allerlei Bezug zum Leben der Menschen an sich.

Dieses Gedicht gehört zu den bekanntesten Werken deutscher Lyrik – hier finden Sie mehr berĂĽhmte Gedichte.

Eine kupferne, patinabehafte Glocke als Symbolbild fĂĽr Die Glocke von Schiller
Drum prĂĽfe, wer sich ewig bindet,
Ob sich das Herz zum Herzen findet!
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Hierr finden Sie den gesamten Text des Gedichts sowie ein paar kurze Gedanken. Und hier finden Sie mehr Gedichte von Friedrich Schiller.

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Viel SpaĂź!

Das Gedicht

Vivos voco. Mortuos plango. Fulgura frango.

Fest gemauert in der Erden
Steht die Form aus Lehm gebrannt.
Heute muĂź die Glocke werden!
Frisch, Gesellen, seyd zur Hand!
Von der Stirne heiĂź
Rinnen muĂź der SchweiĂź,
Soll das Werk den Meister loben;
Doch der Segen kommt von oben.

Zum Werke, das wir ernst bereiten,
Geziemt sich wohl ein ernstes Wort;
Wenn gute Reden sie begleiten,
Dann flieĂźt die Arbeit munter fort.
So laĂźt uns jetzt mit FleiĂź betrachten,
Was durch die schwache Kraft entspringt;
Den schlechten Mann muĂź man verachten,
Der nie bedacht, was er vollbringt.
Das ist’s ja, was den Menschen zieret,
Und dazu ward ihm der Verstand,
DaĂź er im innern Herzen spĂĽret,
Was er erschafft mit seiner Hand.

Nehmet Holz vom Fichtenstamme,
Doch recht trocken laĂźt es seyn,
DaĂź die eingepreĂźte Flamme
Schlage zu dem Schwalch hinein.
Kocht des Kupfers Brei!
Schnell das Zinn herbei,
Daß die zähe Glockenspeise
FlieĂźe nach der rechten Weise!

Was in des Dammes tiefer Grube
Die Hand mit Feuers HĂĽlfe baut,
Hoch auf des Thurmes Glockenstube
Da wird es von uns zeugen laut.
Noch dauern wird’s in späten Tagen
Und rĂĽhren vieler Menschen Ohr,
Und wird mit dem BetrĂĽbten klagen
Und stimmen zu der Andacht Chor.
Was unten tief dem Erdensohne
Das wechselnde Verhängniß bringt,
Das schlägt an die metallne Krone,
Die es erbaulich weiter klingt.

Weiße Blasen seh’ ich springen,
Wohl! die Massen sind im FluĂź.
Laßt’s mit Aschensalz durchdringen,
Das befördert schnell den Guß.
Auch von Schaume rein
MuĂź die Mischung seyn,
DaĂź vom reinlichen Metalle
Rein und voll die Stimme schalle.

Denn mit der Freude Feierklange
BegrĂĽĂźt sie das geliebte Kind
Auf seines Lebens erstem Gange,
Den es in Schlafes Arm beginnt;
Ihm ruhen noch im ZeitenschooĂźe
Die schwarzen und die heitern Loose;
Der Mutterliebe zarte Sorgen
Bewachen seinen goldnen Morgen –
Die Jahre fliehen pfeilgeschwind.
Vom Mädchen reißt sich stolz der Knabe,
Er stĂĽrmt ins Leben wild hinaus,
DurchmiĂźt die Welt am Wanderstabe,
Fremd kehrt er heim ins Vaterhaus.
Und herrlich, in der Jugend Prangen,
Wie ein Gebild aus Himmelshöhn,
Mit züchtigen, verschämten Wangen
Sieht er die Jungfrau vor sich stehn.
Da faĂźt ein namenloses Sehnen
Des JĂĽnglings Herz, er irrt allein,
Aus seinen Augen brechen Thränen,
Er flieht der BrĂĽder wilder Reihn.
Erröthend folgt er ihren Spuren
Und ist von ihrem GruĂź beglĂĽckt,
Das Schönste sucht er auf den Fluren,
Womit er seine Liebe schmĂĽckt.
O zarte Sehnsucht, sĂĽĂźes Hoffen,
Der ersten Liebe goldne Zeit,
Das Auge sieht den Himmel offen,
Es schwelgt das Herz in Seligkeit;
O daĂź sie ewig grĂĽnen bliebe,
Die schöne Zeit der jungen Liebe!

Wie sich schon die Pfeifen bräunen!
Dieses Stäbchen tauch’ ich ein,
Sehn wir’s überglast erscheinen,
Wird’s zum Gusse zeitig seyn,
Jetzt, Gesellen, frisch!
PrĂĽft mir das Gemisch,
Ob das Spröde mit dem Weichen
Sich vereint zum guten Zeichen.

Denn wo das Strenge mit dem Zarten,
Wo Starkes sich und Mildes paarten,
Da gibt es einen guten Klang.
Drum prĂĽfe, wer sich ewig bindet,
Ob sich das Herz zum Herzen findet!
Der Wahn ist kurz, die Reu’ ist lang.
Lieblich in der Bräute Locken
Spielt der jungfräuliche Kranz,
Wenn die hellen Kirchenglocken
Laden zu des Festes Glanz.
Ach! des Lebens schönste Feier
Endigt auch den Lebensmai,
Mit dem GĂĽrtel, mit dem Schleier
Reißt der schöne Wahn entzwei.
Die Leidenschaft flieht,
Die Liebe muĂź bleiben;
Die Blume verblĂĽht,
Die Frucht muĂź treiben.
Der Mann muĂź hinaus
Ins feindliche Leben,
MuĂź wirken und streben
Und pflanzen und schaffen,
Erlisten, erraffen,
MuĂź wetten und wagen,
Das GlĂĽck zu erjagen.
Da strömet herbei die unendliche Gabe,
Es füllt sich der Speicher mit köstlicher Habe,
Die Räume wachsen, es dehnt sich das Haus.
Und drinnen waltet
Die zĂĽchtige Hausfrau,
Die Mutter der Kinder,
Und herrschet weise
Im häuslichen Kreise,
Und lehret die Mädchen
Und wehret den Knaben,
Und reget ohn’ Ende
Die fleißigen Hände,
Und mehrt den Gewinn
Mit ordnendem Sinn,
Und füllet mit Schätzen die duftenden Laden,
Und dreht um die schnurrende Spindel den Faden,
Und sammelt im reinlich geglätteten Schrein
Die schimmernde Wolle, den schneeigten Lein,
Und fĂĽget zum Guten den Glanz und den Schimmer,
Und ruhet nimmer.

Und der Vater mit frohem Blick
Von des Hauses weitschauendem Giebel
Ueberzählet sein blühend Glück,
Siehet der Pfosten ragende Bäume
Und der Scheunen gefüllte Räume
Und die Speicher, vom Segen gebogen,
Und des Kornes bewegte Wogen,
RĂĽhmt sich mit stolzem Mund:
Fest, wie der Erde Grund,
Gegen des UnglĂĽcks Macht
Steht mir des Hauses Pracht!
Doch mit des Geschickes Mächten
Ist kein ew’ger Bund zu flechten,
Und das UnglĂĽck schreitet schnell.

Wohl! nun kann der GuĂź beginnen,
Schön gezacket ist der Bruch.
Doch bevor wir’s lassen rinnen,
Betet einen frommen Spruch!
StoĂźt den Zapfen aus!
Gott bewahr’ das Haus!
Rauchend in des Henkels Bogen
Schießt’s mit feuerbraunen Wogen.

Wohlthätig ist des Feuers Macht,
Wenn sie der Mensch bezähmt, bewacht,
Und was er bildet, was er schafft,
Das dankt er dieser Himmelskraft;
Doch furchtbar wird die Himmelskraft,
Wenn sie der Fessel sich entrafft,
Einhertritt auf der eignen Spur
Die freie Tochter der Natur.
Wehe, wenn sie losgelassen
Wachsend ohne Widerstand
Durch die volkbelebten Gassen
Wälzt den ungeheuren Brand!
Denn die Elemente hassen
Das Gebild der Menschenhand.
Aus der Wolke
Quillt der Segen,
Strömt der Regen;
Aus der Wolke, ohne Wahl,
Zuckt der Strahl.
Hört ihr’s wimmern hoch vom Thurm?
Das ist Sturm!
Roth, wie Blut,
Ist der Himmel;
Das ist nicht des Tages Glut!
Welch GetĂĽmmel
StraĂźen auf!
Dampf wallt auf!
Flackernd steigt die Feuersäule,
Durch der StraĂźe lange Zeile
Wächst es fort mit Windeseile;
Kochend, wie aus Ofens Rachen,
GlĂĽhn die LĂĽfte, Balken krachen,
Pfosten stĂĽrzen, Fenster klirren,
Kinder jammern, MĂĽtter irren,
Thiere wimmern
Unter TrĂĽmmern;
Alles rennet, rettet, flĂĽchtet,
Taghell ist die Nacht gelichtet;
Durch der Hände lange Kette
Um die Wette
Fliegt der Eimer, hoch im Bogen
Spritzen Quellen Wasserwogen.
Heulend kommt der Sturm geflogen,
Der die Flamme brausend sucht;
Prasselnd in die dĂĽrre Frucht
Fällt sie in des Speichers Räume,
In der Sparren dürre Bäume,
Und als wollte sie im Wehen
Mit sich fort der Erde Wucht
Reißen, in gewalt’ger Flucht,
Wächst sie in des Himmels Höhen
RiesengroĂź!
Hoffnungslos
Weicht der Mensch der Götterstärke,
MĂĽĂźig sieht er seine Werke
Und bewundernd untergehen.

Leergebrannt
Ist die Stätte,
Wilder StĂĽrme rauhes Bette.
In den öden Fensterhöhlen
Wohnt das Grauen,
Und des Himmels Wolken schauen
Hoch hinein.


Einen Blick
Nach dem Grabe
Seiner Habe
Sendet noch der Mensch zurĂĽck –
Greift fröhlich dann zum Wanderstabe.
Was Feuers Wuth ihm auch geraubt,
Ein sĂĽĂźer Trost ist ihm geblieben,
Er zählt die Häupter seiner Lieben,
Und sieh! ihm fehlt kein theures Haupt.

In die Erd’ ist’s aufgenommen,
GlĂĽcklich ist die Form gefĂĽllt;
Wird’s auch schön zu Tage kommen,
DaĂź es FleiĂź und Kunst vergilt?
Wenn der GuĂź miĂźlang?
Wenn die Form zersprang?
Ach, vielleicht indem wir hoffen,
Hat uns Unheil schon getroffen.

Dem dunklen SchooĂź der heilgen Erde
Vertrauen wir der Hände That,
Vertraut der Sämann seine Saat
Und hofft, daĂź sie entkeimen werde
Zum Segen, nach des Himmels Rath.
Noch köstlicheren Samen bergen
Wir trauernd in der Erde SchooĂź
Und hoffen, daß er aus den Särgen
Erblühen soll zu schönerm Loos.

Von dem Dome,
Schwer und bang,
Tönt die Glocke
Grabgesang.
Ernst begleiten ihre Trauerschläge
Einen Wandrer auf dem letzten Wege.

Ach! die Gattin ist’s, die theure,
Ach! es ist die treue Mutter,
Die der schwarze FĂĽrst der Schatten
WegfĂĽhrt aus dem Arm des Gatten,
Aus der zarten Kinder Schaar,
Die sie blĂĽhend ihm gebar,
Die sie an der treuen Brust
Wachsen sah mit Mutterlust –
Ach! des Hauses zarte Bande
Sind gelöst auf immerdar;
Denn sie wohnt im Schattenlande,
Die des Hauses Mutter war;
Denn es fehlt ihr treues Walten,
Ihre Sorge wacht nicht mehr;
An verwaister Stätte schalten
Wird die Fremde, liebeleer.

Bis die Glocke sich verkĂĽhlet,
LaĂźt die strenge Arbeit ruhn.
Wie im Laub der Vogel spielet,
Mag sich jeder gĂĽtlich thun.
Winkt der Sterne Licht,
Ledig aller Pflicht,
Hört der Bursch die Vesper schlagen;
Meister muĂź sich immer plagen.

Munter fördert seine Schritte
Fern im wilden Forst der Wandrer
Nach der lieben HeimathĂĽtte.
Blökend ziehen heim die Schafe,
Und der Rinder
Breitgestirnte, glatte Schaaren
Kommen brĂĽllend,
Die gewohnten Ställe füllend.
Schwer herein
Schwankt der Wagen,
Kornbeladen,
Bunt von Farben,
Auf den Garben
Liegt der Kranz,
Und das junge Volk der Schnitter
Fliegt zum Tanz.
Markt und StraĂźe werden stiller,
Um des Lichts gesell’ge Flamme
Sammeln sich die Hausbewohner,
Und das Stadtthor schlieĂźt sich knarrend.
Schwarz bedecket
Sich die Erde;
Doch den sichern BĂĽrger schrecket
Nicht die Nacht,
Die den Bösen gräßlich wecket;
Denn das Auge des Gesetzes wacht.

Heilge Ordnung, segenreiche
Himmelstochter, die das Gleiche
Frei und leicht und freudig bindet,
Die der Städte Bau begründet,
Die herein von den Gefilden
Rief den ungesell’gen Wilden,
Eintrat in der Menschen HĂĽtten,
Sie gewöhnt zu sanften Sitten
Und das theuerste der Bande
Wob, den Trieb zum Vaterlande!

Tausend fleiß’ge Hände regen,

Helfen sich in munterm Bund,
Und in feurigem Bewegen
Werden alle Kräfte kund.
Meister rĂĽhrt sich und Geselle
In der Freiheit heil’gem Schutz;
Jeder freut sich seiner Stelle,
Bietet dem Verächter Trutz.
Arbeit ist des BĂĽrgers Zierde,
Segen ist der MĂĽhe Preis;
Ehrt den König seine Würde,
Ehret uns der Hände Fleiß.

Holder Friede,
SĂĽĂźe Eintracht,
Weilet, weilet
Freundlich ĂĽber dieser Stadt!
Möge nie der Tag erscheinen,
Wo des rauhen Krieges Horden
Dieses stille Thal durchtoben;
Wo der Himmel,
Den des Abends sanfte Röthe
Lieblich malt,
Von der Dörfer, von der Städte
Wildem Brande schrecklich strahlt!

Nun zerbrecht mir das Gebäude,
Seine Absicht hat’s erfüllt,
DaĂź sich Herz und Auge weide
An dem wohlgelungnen Bild.
Schwingt den Hammer, schwingt,
Bis der Mantel springt,
Wenn die Glock’ soll auferstehen,
MuĂź die Form in StĂĽcken gehen.

Der Meister kann die Form zerbrechen
Mit weiser Hand, zur rechten Zeit;
Doch wehe, wenn in Flammenbächen
Das glĂĽhnde Erz sich selbst befreit!
BlindwĂĽthend mit des Donners Krachen
Zersprengt es das geborstne Haus,
Und wie aus offnem Höllenrachen
Speit es Verderben zĂĽndend aus.
Wo rohe Kräfte sinnlos walten,
Da kann sich kein Gebild gestalten;
Wenn sich die Völker selbst befrein,
Da kann die Wohlfahrt nicht gedeihn.

Weh, wenn sich in dem Schooß der Städte
Der Feuerzunder still gehäuft,
Das Volk, zerreiĂźend seine Kette,
Zur Eigenhilfe schrecklich greift!
Da zerret an der Glocken Strängen
Der Aufruhr, daĂź sie heulend schallt
Und, nur geweiht zu Friedensklängen,
Die Losung anstimmt zur Gewalt.

Freiheit und Gleichheit! hört man schallen;
Der ruh’ge Bürger greift zur Wehr,
Die StraĂźen fĂĽllen sich, die Hallen,
Und WĂĽrgerbanden ziehn umher,
Da werden Weiber zu Hyänen
Und treiben mit Entsetzen Scherz;
Noch zuckend, mit des Panthers Zähnen,
ZerreiĂźen sie des Feindes Herz.
Nichts Heiliges ist mehr, es lösen
Sich alle Bande frommer Scheu;
Der Gute räumt den Platz dem Bösen,
Und alle Laster walten frei.
Gefährlich ist’s, den Leu zu wecken,
Verderblich ist des Tigers Zahn;
Jedoch der schrecklichste der Schrecken,
Das ist der Mensch in seinem Wahn.
Weh denen, die dem Ewigblinden
Des Lichtes Himmelsfackel leihn!
Sie strahlt ihm nicht, sie kann nur zĂĽnden
Und äschert Städt’ und Länder ein.

Freude hat mir Gott gegeben!
Sehet! Wie ein goldner Stern
Aus der HĂĽlse, blank und eben,
Schält sich der metallne Kern.
Von dem Helm zum Kranz
Spielt’s wie Sonnenglanz,
Auch des Wappens nette Schilder
Loben den erfahrnen Bilder.

Herein! herein!
Gesellen alle, schlieĂźt den Reihen,
DaĂź wir die Glocke taufend weihen,
Concordia soll ihr Name seyn,
Zur Eintracht, zu herzinnigem Vereine
Versammle sie die liebende Gemeine.

Und dies sey fortan ihr Beruf,
Wozu der Meister sie erschuf:
Hoch ĂĽberm niedern Erdenleben
Soll sie im blauen Himmelszelt,
Die Nachbarin des Donners, schweben
Und gränzen an die Sternenwelt,
Soll eine Stimme seyn von oben,
Wie der Gestirne helle Schaar,
Die ihren Schöpfer wandelnd loben
Und führen das bekränzte Jahr.
Nur ewigen und ernsten Dingen
Sey ihr metallner Mund geweiht,
Und stĂĽndlich mit den schnellen Schwingen
Berühr’ im Fluge sie die Zeit.
Dem Schicksal leihe sie die Zunge;
Selbst herzlos, ohne MitgefĂĽhl,
Begleite sie mit ihrem Schwunge
Des Lebens wechselvolles Spiel.
Und wie der Klang im Ohr vergehet,
Der mächtig tönend ihr entschallt,
So lehre sie, daĂź nichts bestehet,
DaĂź alles Irdische verhallt.

Jetzo mit der Kraft des Stranges
Wiegt die Glock’ mir aus der Gruft,
DaĂź sie in das Reich des Klanges
Steige, in die Himmelsluft!
Ziehet, ziehet, hebt!
Sie bewegt sich, schwebt.
Freude dieser Stadt bedeute,
Friede sey ihr erst Geläute.

Gedanken zum Gedicht

Wann liest man heute noch ein so langes Gedicht? Und warum liest man so ein altertümliches – ich möchte fast sagen alterthümliches (denn es ist schon so alt, dass da ein zusätzliches „H“ stehen müsste) – Gedicht auch heute noch in der Schule? Warum wurde es so häufig parodiert, warum ist es überhaupt so bekannt? Die Glocke – Schiller’s Meister- und nachhallend berüchtigtes Werk.

Ich kann mir das, aus heutiger Sicht, nur so erklären: Es gab nichts anderes.

(Mein seliger Großonkel Willi, alter und auch etwas alterthümlicher Deutschlehrer und Literaturkenner, schlägt nun im Himmel die Hände über den Kopf zusammen: Wie kann der Großneffe – sich selbst als Gedichtefreund bezeichnend – so etwas von sich geben? Ich erkläre es gern.)

Nun sind wir heute an einem Punkt, wo wir so viel kurz- und längerfristige Unterhaltung konsumieren können, wie wir nur wollen. Oder nicht ganz: Es gibt nämlich so unglaublich viel zu viel Unterhaltung auf der Welt, dass selbst 100.000 Menschenleben wohl nicht ausreichen würden, sie zu konsumieren.

Und nicht nur gibt es so unglaublich viel, nein, wir haben auch noch ständig darauf Zugriff: Filme über Netflix und Konsorten, Bücher über Kindle und sogar zum Hören (das Lesen ist aber auch furchtbar anstrengend) über Audible und wie die Anbieter alle heißen, Zeitungen aus aller Welt online über deren Angebote, Myriaden austauschbare und nicht ganz so austauschbare Musikstücke – wofür soll man sich überhaupt entscheiden?

Ganz anders da die Welt vor 200 Jahren: Da hatte man ja sonst nichts. Da konnte man mal eine Bibel lesen oder das ein oder andere Flugblatt, zumindest, wenn man überhaupt lesen konnte. Und ab und zu schrieb auch mal ein Goethe oder jemand anders ein Gedicht, wer es sich leisten konnte, würde wohl auch mal ins Theater gegangen sein – aber das war doch alles selten!

Und da kann man dann auch mal ein langes Gedicht schreiben. Wo sich der typische Smartphone-Dopamin-Suchti heute höchstens drei Verse lang konzentrieren kann und von der Lehrerin gerade noch so auf die Zeile mit dem „Drum prüfe wer sich ewig bindet“ verwiesen wird („Ey das hab ich schon mal gehört!“), hatte man damals noch die Muße – und vielleicht auch die Zeit? – vor allem aber die Konzentration auf so einen Brecher von einem Gedicht, ohne dass man ständig von der nächsten Nachricht, der nächsten Serie, dem nächsten True-Crime-Hörbuch und dem ewigen Scroll of Doom auf Instagram, Facebook etc. abgelenkt wurde.

Dies ist meine Vermutung, warum „Die Glocke“ von Schiller so berühmt geworden ist. Hätte er es heute geschrieben – so Leid es mir tut, Onkel Willi – es wäre wohl im milliardenfachen Rauschen und Stimmengewirr der Menschheit ganz anders als die Glocke: nämlich sang- und klanglos, untergegangen.

Übrigens: Die Glocke ist aufgrund ihrer Bekanntheit und Monumentalität recht häufig Opfer von Parodien und Parallelgedichten geworden.

Dies ist nur ein kleines Gedicht
ĂĽber Sterne und Planeten.
Die meisten davon sieht man nicht:
Doch sie hängen in riesigen Paketen
am Himmel, ganz weit fern.
Dort drehen sie sich immerzu
ob Planet, Komet, ob hellster Stern,
man fragt sich manchmal schon, wozu
und ob sie je anhalten.
Dann liegt man da, nachts auf dem RĂĽcken
auf dem weichen und dem kalten
Boden, nur umspielt von MĂĽcken
ohne Lampen, ohne Kerze
man sieht vorbei an all den Sternen
und sieht noch tiefer in die Schwärze
und scheint sich weiter zu entfernen
von allem, was dem Menschen lieb.
Und man fragt sich, wohin alles fĂĽhrt
und man fragt sich, wofĂĽr es uns gibt
und wie es dann den Hals zuschnĂĽrt
steht man auf und geht hinein.
Im Kopf noch Sterne und Planeten
und man ist ganz froh, noch hier zu sein
und nicht dort oben, in Raketen
und man legt sich hin, schläft langsam ein
träumt ein paar unruhige Träume,
träumt von unstetem Planetenschein.
Und schlägt tieftraurig-glücklich Purzelbäume.
Gedicht ĂĽber Sterne und Planeten