Johann Wolfgang von Goethe: Der Fischer

„Der Fischer“ ist eines von Goethes bekanntesten Gedichten, wenn seine Beliebtheit auch nicht an andere Werke von ihm heranreicht. Die Ballade handelt vom namensgebenden Angler, der an einem GewĂ€sser hockt und von einer Nixe in das Wasser – und wohl in den Tod – hereingelockt wird.

Dieses Gedicht gehört zu den bekanntesten Werken deutscher Lyrik – hier finden Sie mehr berĂŒhmte Gedichte.

Der Fischer wie er im Gedicht von Goethe auftreten könnte - GemÀlde eines Mannes auf einem Boot auf hoher See mit mehreren
„Halb zog sie ihn, halb sank er hin
und ward nicht mehr gesehn.“
Bild: „Halibut Fishing“ von Winslow Homer, um 1880

Hier finden Sie den Text des Gedichts und einige Ideen dazu. Und hier gibt es noch reichlich mehr Gedichte von Goethe.

Und hier mehr Gedichte ĂŒber die Natur.

Viel Spaß!

Das Gedicht

Das Wasser rauscht‘, das Wasser schwoll,
Ein Fischer saß daran,
Sah nach dem Angel ruhevoll,
KĂŒhl bis ans Herz hinan.
Und wie er sitzt und wie er lauscht,
Teilt sich die Flut empor:
Aus dem bewegten Wasser rauscht
Ein feuchtes Weib hervor.

Sie sang zu ihm, sie sprach zu ihm:
»Was lockst du meine Brut
Mit Menschenwitz und Menschenlist
Hinauf in Todesglut?
Ach wĂŒĂŸtest du, wie’s Fischlein ist
So wohlig auf dem Grund,
Du stiegst herunter, wie du bist,
Und wĂŒrdest erst gesund.

Labt sich die liebe Sonne nicht,
Der Mond sich nicht im Meer?
Kehrt wellenatmend ihr Gesicht
Nicht doppelt schöner her?
Lockt dich der tiefe Himmel nicht,
Das feuchtverklÀrte Blau?
Lockt dich dein eigen Angesicht
Nicht her in ew’gen Tau?«

Das Wasser rauscht‘, das Wasser schwoll,
Netzt‘ ihm den nackten Fuß;
Sein Herz wuchs ihm so sehnsuchtsvoll
Wie bei der Liebsten Gruß.
Sie sprach zu ihm, sie sang zu ihm;
Da war’s um ihn geschehn;
Halb zog sie ihn, halb sank er hin
Und ward nicht mehr gesehn.

Wenig kohÀrente Gedanken zum Gedicht

Ich habe Goethes „Fischer“ erst sehr spĂ€t kennen gelernt, lange nach der Schulzeit. Doch schon beim ersten Lesen hat es mich – vielleicht gleich der Nixe, die den Fischer einfing – begeistert und lange nicht losgelassen. Vielleicht lag es daran, dass ich mich selbst, mit Anfang 20, in einer ziemlichen Sturm-und-Drang-Phase befand, der ja auch dieses Goethes Gedicht der Lyrikhistorie nach zuzuordnen ist.

Und kann es nicht jeder Mann nachvollziehen: Da tritt eine unbekannte Schöne in das ruhige, gemĂŒtliche Leben, die so anders ist, als alles, was man kennt. Sie verdreht einem den Kopf, und plötzlich, vielleicht durch ihre Worte, vielleicht auch einfach durch ihre bezaubernde Anwesenheit, wird all das, was man kannte, ruiniert: Plötzlich lebt man in einer Art Hölle, die sie nicht zu ertragen weiß und sieht ihre verfĂŒhrerische Welt, die zwar so anders, doch so seltsam attraktiv erscheint. Gemeinsam der Sonne entgegen, alles hinter sich lassen, alle BrĂŒcken abbrennen – und, wie der Fischer, in den See hinabsteigen in ein neues Leben, der den Tod der eigenen Persönlichkeit bedeutet. Dieses Bild, der Frau, die dem Mann sein Leben raubt, hat das Potential, verdammt sexistisch zu werden. Aber ist es vollkommen abwegig, dass Goethe sich das damals so gedacht hat?

UngefĂ€hr zu der Zeit, in der ich den „Fischer“ das erste Mal las, war ich auch sehr „musiktextbegeistert“, wenn man das so nennen kann. HĂ€ufig fand ich mich auf „lyric“-Seiten wieder, wĂ€hrend ich Musik hörte. Ich achtete auf den textlichen Inhalt der Songs, die ich mochte, mitunter mehr, als auf die Melodie.

Und wie oft geht es da um Drogen! Offenbar hat jede Pop- und Rock- und Hip-Hop-Band gewaltige Erfahrungen damit gemacht, oder wenn sie es nicht hat, dann kennt sie doch immer jemanden, der es getan hat, und ĂŒber dessen Verderben (in den meisten FĂ€llen) es sich zu singen lohnt. Fand ich immer etwas platt.

Vielleicht jedenfalls habe ich auch deshalb von Anfang an beim „Fischer“ eine Drogeninterpretation im Kopf gehabt: Wie es immer Menschen gibt, die von den Begeisterungen erzĂ€hlen, die der Drogenkonsum mit sich bringt, und wie man misstrauisch ist, bis einem „der Fuß benetzt“ wird. Wie das freigesetzte Dopamin dann Lust auf mehr macht, und man sich dann immer tiefer darin verliert, bis man schließlich nicht mehr wiederzuerkennen ist?

Sicherlich ist auch dies keine Interpretation, die der Geschichte standhĂ€lt – gab es ĂŒberhaupt schon nennenswerte Drogen, abgesehen vom Alkohol, zu Goethes Zeit? Wahrscheinlich nicht.

Ich will Sie nur ermutigen, sich Ihre eigenen Gedanken zur Lyrik zu machen. Vielleicht schwebt Ihnen ein Bild durch den Kopf, wenn sie Goethes „Der Fischer“ lesen, oder ein Gedanke, oder ein GefĂŒhl – diese GefĂŒhle sind etwas wert, und sie sind nie falsch, auch wenn klassische Gedichtinterpretationen natĂŒrlich objektiv viel kohĂ€renter sind.

Das Leben blĂŒht am hintersten Ort
unten bei den schwarzen Schloten
bei Wölfen, FĂŒchsen und Kojoten
zwischen den FußnĂ€geln, selbst dort.
Das Leben blĂŒht in den dunkelsten Gassen
oben auf den weißen Spitzen
es wuselt in den kleinsten Ritzen
es rĂŒhrt durch aller WĂ€sser Tassen.
Das Leben blĂŒht selbst in den DĂ€rmen
tief drinnen in finstersten Werken
in den allerkĂŒrzest Augenmerken
selbst in Ohren will es lÀrmen.
Das Leben blĂŒht am hintersten Ort.
Es schmiegt sich an dich und du bist es selbst.
Ihm ist egal, was du von ihm hÀltst:
Du bist sein erstes und sein letztes Wort.

Der Angler

Ein Angler saß am schwellend‘ Wasser
ein feuchtes Weib zog ihn hinein
im Anschluss war er deutlich nasser
und lief dann schelmisch grinsend heim.

Zahmer Grobian

kein andrer ist so ungewiss
was er gern bedeuten will
ein knallig lautes tiergebiss
das von mĂ€rz brĂŒllt bis april?

oder doch lieber ein weicher kerle
der sich still an jede wiese schmiegt
weiß und sacht, wie eine perle
dann hoch hinaus zum himmel fliegt?

ob gĂ€nzlich zahm, ob grobian –
er kann beides:
Löwenzahn.

Das Zwischenwesen

Ein Zwischenwesen erster GĂŒte,
verwandelt sich komplett:
Legt ab die knallig gelben HĂŒte
und fliegt dann los, frivol, kokett.

Erst ist er Unkraut, muss verschwinden
spÀter schöner Kindertraum:
Seine Sprösslinge, kaum mehr zu finden,
wenn geflogen erst durch Zeit und Raum.

Bricht sich durch die kleinste Nische
macht sich breit, verschwindet nicht –
ist nicht mehr hÀufig Gast zu Tische:
Dies ist ein Löwenzahngedicht.

Die Nixe

Das Wasser rauscht, das Wasser schwoll,
eine Nixe schwamm darin
sah nach dem Himmel ruhevoll – –
ein Fischer kam, die Ruh‘ dahin.

Sie sang zu ihm, sie sprach zu ihm:
„Ich will von dir nichts wissen!
In diesem See bin ich die Queen
du darfst dich jetzt verpissen!“

Der Fischer ließ sich das nicht bieten
und sagte „du bist hot!
Kann man dich stundenweise mieten?
Nun komm mal raus, flott flott!“

Die Nixe wurd fuchsteufelswild
(und zwar absolut verstÀndlich)
ihre Rachelust war rasch gestillt:
Sie zog ihn rein, letztendlich.

Das hat der Sexist wohl verdient
vielleicht nicht ganz so drastisch
doch das die Nix‘ das nicht hinnimmt
ist doch ganz und gar fantastisch.

Anm.: Wer jetzt sagen möchte, dass die Nixe ja vorher auch schon unverschÀmt war, das stimmt. Aber erstens verstehen wir das hier mal auf die Allegorie des ungefragten Eindringlings in die PrivatssphÀre einer Frau. Zudem ist die Chance, dass die Nixe in ihrem Leben leider schon mit vielen MÀnnern zu tun hatte, die sie Àhnlich behandelten, leider sehr hoch.