Weihnachtsgedichte von Rainer Maria Rilke

Denken Sie wirklich an Weihnachtsgedichte, wenn Sie an Rilke denken? Bekannt wurde der alte Romantiker für seinen Panther, und seine Herbsttage, und viele mehr. Aber tatsächlich: Es gibt auch einige Weihnachtsgedichte von Rilke. Und diese stellen wir Ihnen jetzt vor.

Ein Foto von Rainer Maria Rilke, auf dem wir einen Weihnachtsmann-Hut gephotoshopt haben.
Fröhlicher Rainer überall.
Foto: gemeinfrei (höchstens ein bisschen gemein)

Falls Sie trotz des blasphemischen Fotos noch Interesse haben: Hier finden Sie Rilkes Panther, hier den Herbsttag und hier finden Sie weitere Weihnachtsgedichte.

Viel SpaĂź!

„Echte“ Weihnachtsgedichte

Rilke liebte wohl das Weihnachtsfest und hat die stillen Festtage häufig mit dem Schreiben von Briefen und Gedichten verbracht. Sie wissen ja: „[…] wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben – wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben …“ so wie er es an einem Herbsttag schon vorausgesehen hat.

Weihnachten ist der stillste Tag im Jahr

Weihnachten ist der stillste Tag im Jahr,
da hörst Du alle Herzen gehn und schlagen
wie Uhren, welche Abendstunden sagen:
Weihnachten ist der stillste Tag im Jahr,
da werden alle Kinderaugen gross,
als ob die Dinge wĂĽchsen die sie schauen,
und mĂĽtterlicher werden alle Frauen
und alle Kinderaugen werden gross.

Da musst du draussen gehn im weiten Land
willst du die Weihnacht sehn, die unversehrte
als ob dein Sinn der Städte nie begehrte,
so musst du draussen gehn im weiten Land.
Dort dämmern grosse Himmel über dir
die auf entfernten weissen Wäldern ruhen,
die Wege wachsen unter deinen Schuhen
und grosse Himmel dämmern über dir.

Und in den grossen Himmeln steht ein Stern
ganz aufgeblĂĽht zu selten grosser Helle,
die Fernen nähern sich wie eine Welle
und in den grossen Himmeln steht ein Stern.

Weihnacht

Die WinterstĂĽrme durchdringen
Die Welt mit wütender Macht. –
Da – – sinkt auf schneeigen Schwingen
Die tannenduftende Nacht…

Da schwebt beim Scheine der Kerzen
Ganz leis nur, kaum, daß du’s meinst,
durch arme irrende Herzen
der Glaube – ganz so wie einst…

Da schimmern im Auge Tränen,
du fliehst die Freude – und weinst,
der Kindheit gedenkst du mit Sehnen,
oh, wär es noch so wie einst!…

Du weinst!… die Glocken erklingen –
Es sinkt in festlicher Pracht
Herab auf schneeigen Schwingen
Die tannenduftende Nacht.

Die Geburt Christi

Hättest du der Einfalt nicht, wie sollte
dir geschehn, was jetzt die Nacht erhellt?
Sieh, der Gott, der über Völkern grollte,
macht sich mild und kommt in dir zur Welt.

Hast du dir ihn größer vorgestellt?

Was ist Größe? Quer durch alle Maße,
die er durchstreicht, geht sein grades Los.
Selbst ein Stern hat keine solche StraĂźe.
Siehst du, diese Könige sind groß,

und sie schleppen dir vor deinen SchoĂź

Schätze, die sie für die größten halten,
und du staunst vielleicht bei dieser Gift -:
aber schau in deines Tuches Falten,
wie er jetzt schon alles ĂĽbertrifft.

Aller Amber, den man weit verschifft,

jeder Goldschmuck und das LuftgewĂĽrze,
das sich trĂĽbend in die Sinne streut:
alles dieses war von rascher KĂĽrze,
und am Ende hat man es bereut.

Aber (du wirst sehen): Er erfreut.

Die heiligen drei Könige

Einst als am Saum der WĂĽsten sich
auftat die Hand des Herrn
wie eine Frucht, die sommerlich
verkĂĽndet ihren Kern,
da war ein Wunder: Fern
erkannten und begrĂĽĂźten sich
drei Könige und ein Stern.

Drei Könige von Unterwegs
und der Stern Ăśberall,
die zogen alle (ĂĽberlegs!)
so rechts ein Rex und links ein Rex
zu einem stillen Stall.

Was brachten die nicht alles mit
zum Stall von Bethlehem!
Weithin erklirrte jeder Schritt,
und der auf einem Rappen ritt,
saĂź samten und bequem.
Und der zu seiner Rechten ging,
der war ein goldner Mann,
und der zu seiner Linken fing
mit Schwung und Schwing
und Klang und Kling
aus einem runden Silberding,
das wiegend und in Ringen hing,
ganz blau zu rauchen an.
Da lachte der Stern Ăśberall
so seltsam ĂĽber sie,
und lief voraus und stand am Stall
und sagte zu Marie:

Da bring ich eine Wanderschaft
aus vieler Fremde her.
Drei Könige mit magenkraft,1
von Gold und Topas schwer
und dunkel, tumb und heidenhaft, –
erschrick mir nicht zu sehr.
Sie haben alle drei zuhaus
zwölf Töchter, keinen Sohn,
so bitten sie sich deinen aus
als Sonne ihres Himmelblaus
und Trost fĂĽr ihren Thron.
Doch muĂźt du nicht gleich glauben: bloĂź
ein FunkelfĂĽrst und Heidenscheich
sei deines Sohnes Los.
Bedenk, der Weg ist groĂź.
Sie wandern lange, Hirten gleich,
inzwischen fällt ihr reifes Reich
weiĂź Gott wem in den SchooĂź.
Und während hier, wie Westwind warm,
der Ochs ihr Ohr umschnaubt,
sind sie vielleicht schon alle arm
und so wie ohne Haupt.
Drum mach mit deinem Lächeln licht
die Wirrnis, die sie sind,
und wende du dein Angesicht
nach Aufgang und dein Kind;
dort liegt in blauen Linien,
was jeder dir verlieĂź:
Smaragda und Rubinien
und die Tale von TĂĽrkis.

Es gibt so wunderweisse Nächte

Es gibt so wunderweiße Nächte,
drin alle Dinge Silber sind.
Da schimmert mancher Stern so lind,
als ob er fromme Hirten brächte
zu einem neuen Jesuskind.

Weit wie mit dichtem Diamantstaube
bestreut, erscheinen Flur und Flut,
und in die Herzen, traumgemut,
steigt ein kapellenloser Glaube,
der leise seine Wunder tut.

Gedichte um Weihnachten herum

Und dann hat Rilke natĂĽrlich auch noch einige Gedichte verfasst, die sich weniger um das Weihnachtsfest an sich, wohl aber um die Weihnachts- und Winterzeit drehen.

Advent (1897)

Es treibt der Wind im Winterwalde
Die Flockenheerde wie ein Hirt,
Und manche Tanne ahnt, wie balde
Sie fromm und lichterheilig wird;
Und lauscht hinaus. Den weissen Wegen
Streckt sie die Zweige hin – bereit,
Und wehrt dem Wind und wächst entgegen
Der einen Nacht der Herrlichkeit.

Fünf Kerzen in Kerzenständern, von denen drei beleuchtet sind.
Es treibt der Wind im Winterwalde…
Rilkes vielleicht schönstes Weihnachtsgedicht (und sein bekanntestes) ist eigentlich ein Adventsgedicht.
Foto von KaLisa Veer auf Unsplash

Neujahrsgedicht

Und nun wollen wir glauben an ein langes Jahr, das uns gegeben ist, neu, unberĂĽhrt, voll nie gewesener Dinge, voll nie getaner Arbeit, voll Aufgabe, Anspruch und Zumutung; und wollen sehen, dass wirs nehmen lernen, ohne allzuviel fallen zu lassen von dem, was es zu vergeben hat, an die, die Notwendiges, Ernstes und Grosses von ihm verlangen. . . . Guten Neujahrsmorgen

Die hohen Tannen atmen heiser

Die hohen Tannen atmen heiser
im Winterschnee, und bauschiger
schmiegt sich sein Glanz um alle Reiser.
Die weiĂźen Wege werden leiser,
die trauten Stuben lauschiger.

Da singt die Uhr, die Kinder zittern:
Im grĂĽnen Ofen kracht ein Scheit
und stürzt in lichten Lohgewittern, –
und draußen wächst im Flockenflittern
der weiĂźe Tag zur Ewigkeit.

Vor Weihnachten 1914

1

Da kommst du nun, du altes zahmes Fest,
und willst, an mein einstiges Herz gepresst,
getröstet sein. Ich soll dir sagen: du
bist immer noch die Seligkeit von einst
und ich bin wieder dunkles Kleid und tu
die stillen Augen auf, in die du scheinst.
Gewiss, gewiss. Doch damals, da ichs war,
und du mich schön erschrecktest, wenn die Türen
aufsprangen – und dein wunderbar
nicht länger zu verhaltendes Verführen
sich stĂĽrzte ĂĽber mich wie die Gefahr
reiĂźender Freuden: damals selbst, empfand
ich damals dich? Um jeden Gegenstand
nach dem ich griff, war Schein von deinem Scheine,
doch plötzlich ward aus ihm und meiner Hand
ein neues Ding, das bange, fast gemeine
Ding, das besitzen heiĂźt. Und ich erschrak.
O wie doch alles, eh ich es berĂĽhrte,
so rein und leicht in meinem Anschaun lag.
Und wenn es auch zum Eigentum verfĂĽhrte,
noch war es keins. Noch haftete ihm nicht
mein Handeln an; mein Missverstehn; mein Wollen
es solle etwas sein, was es nicht war.
Noch war es klar
und klärte mein Gesicht.
Noch fiel es nicht, noch kam es nicht ins Rollen,
noch war es nicht das Ding, das widerspricht.
Da stand ich zögernd vor dem wundervollen
Un-Eigentum . . . . .

                        2

( . . . . . . . . . Oh, dass ich nun vor dir
so stĂĽnde, Welt, so stĂĽnde, ohne Ende
anschauender. Und heb ich je die Hände
so lege nichts hinein; denn ich verlier.

Doch lass durch mich wie durch die Luft den Flug
der Vögel gehen. Lass mich, wie aus Schatten
und Wind gemischt, dem schwebenden Bezug
kĂĽhl fĂĽhlbar sein. Die Dinge, die wir hatten,

(oh sieh sie an, wie sie uns nachschaun) nie
erholen sie sich ganz. Nie nimmt sie wieder
der reine Raum. Die Schwere unsrer Glieder,
was an uns Abschied ist, kommt ĂĽber sie.)

                        3

Auch dieses Fest lass los, mein Herz. Wo sind
Beweise, dass es dir gehört? Wie Wind
aufsteht und etwas biegt und etwas drängt,
so fängt in dir ein Fühlen an und geht
wohin? drängt was? biegt was? Und drüber übersteht,
unfĂĽhlbar, Welt. Was willst du feiern, wenn
die Festlichkeit der Engel dir entweicht?
Was willst du fĂĽhlen? Ach, dein FĂĽhlen reicht
vom Weinenden zum Nicht-mehr-Weinenden.
Doch drĂĽber sind, unfĂĽhlbar, Himmel leicht
von zahllos Engeln. Dir unfĂĽhlbar. Du
kennst nur den Nicht-Schmerz. Die Sekunde Ruh
zwischen zwei Schmerzen. Kennst den kleinen Schlaf
im Lager der ermĂĽdeten Geschicke.
Oh wie dich, Herz, vom ersten Augenblicke
das ĂśbermaĂź des Daseins ĂĽbertraf.
Du fĂĽhltest auf. Da tĂĽrmte sich vor dir
zu FĂĽhlendes: ein Ding, zwei Dinge, vier
bereite Dinge. Schönes Lächeln stand in
einem Antlitz. Wie erkannt
sah eine Blume zu dir auf. Da flog
ein Vogel durch dich hin wie durch die Luft.
Und war dein Blick zu voll, so kam ein Duft,
und war es Duft genug, so bog ein Ton
sich dir ans Ohr . . . Schon
wähltest du und winktest: dieses nicht.
Und dein Besitz ward sichtbar am Verzicht.
Bang wie ein Sohn ging manches von dir fort
und sah sich lange um, und sieht von dort,
wo du nicht fĂĽhlst, noch immer her. O dass
du immer wieder wehren musst: genug,
statt mehr! zu rufen, statt Bezug
in dich zu reißen, wie der Abgrund Bäche?
Schwächliches Herz. Was soll ein Herz aus Schwäche?
Heißt Herz-sein nicht Bewältigung?
Dass aus dem Tier-Kreis mir mit einem Sprung
der Steinbock auf mein Herzgebirge spränge.
Geht nicht durch mich der Sterne Schwung?
Umfass ich nicht das weltische Gedränge?
Was bin ich hier? Was war ich jung?

Gedanken zu all der Lyrik

Lassen Sie mich noch ein paar Gedanken äußern zu all der weihnachtlichen Lyrik.

Zunächst einmal entschuldige ich mich für das – aus gedichtefreundschaftlicher Sicht – blasphemische Bild ganz oben. Dem ernsten Rilke eine Weihnachtsmütze aufzusetzen!? Geht ja gar nicht.

Lassen Sie sich allerdings versichern: Rilke ist mein Lieblingsdichter. Oder zumindest einer von dreien. Das liegt allerdings in meinem Fall nicht an seinem Gesamtwerk, das ich weder kenne noch glaube allzu sehr lieben zu können, wenn ich es denn kannte.

Viel mehr liegt es an einigen wenigen groĂźartigen, unnachahmlichen und unvergleichlichen Gedichten, die ich mittlerweile einige Jahrzehnte mit mir herumtrage. Vielleicht liegt es auch daran, dass meine erste groĂźe Liebe Rilke liebte (und auch ihr Vater, immerhin war ihr Bruder nach einem Romanhelfen Rilkes benannt, und zwar mit ersten und zweitem Vornamen.)

Rilkes Weihnachtsgedichten jedoch, mit einigen Ausnahmen, kann ich jedoch wenig abgewinnen. Zu schwülstig kommen sie mir vor, zu verschroben, zu weit oben, irgendwie zu – gewollt.

Das muss man nicht so sehen.

„Und manche Tanne ahnt, wie balde
Sie fromm und lichterheilig wird;
Und lauscht hinaus. Den weissen Wegen
Streckt sie die Zweige hin – bereit,
Und wehrt dem Wind und wächst entgegen
Der einen Nacht der Herrlichkeit.“

Das ist schon ziemlich genial. Ich finde es großartig, wenn Dinge aktiv werden, wenn Tannen ihre Zweige nach oben strecken, um etwas zu tun (und zwar nicht nur Fotosynthese). Schließlich ist auch der „Panther“ ein sogenanntes Dinggedicht, wenn es auch ein lebendes Tier beschreibt.

Typische Vortraggedichte werden Rilkes Weihnachtsgedichte sicherlich nicht mehr werden. DafĂĽr sind sie zu wenig drollig und irgendwie zu uncharmant.

Mich würde interessieren, was Sie davon halten. Schließlich sind Sie wahrscheinlich über eine Suchmaschine auf diese Seite gelangt, nicht wahr? Sie haben also aktiv nach Weihnachtsgedichten von Rilke gesucht. Wie kamen Sie darauf? Und – haben Sie gefunden, was sie wollten? Schreiben Sie mir gerne eine Mail. Ich würde mich freuen und antworte auch garantiert.

Vorsätze

Die Pizzareste mussten weg,
die ChipstĂĽte war noch nicht leer.
Ich spĂĽlte nicht mal das Besteck
bin noch der Gleiche, weiĂź nicht, wer.

Die ersten Vorsätze zerrissen:
schlecht gefrĂĽhstĂĽckt, nicht gereinigt.
So startet es, das Jahr, beschissen,
mal sehen, wie es mich noch peinigt.