Rainer Maria Rilke: Der Panther

Rilkes „Der Panther“ ist wohl eines der bekanntesten Gedichte des Dichters und des frĂŒhen 20. Jahrhunderts in Deutschland. Es stammt aus dem Jahr 1902 oder 1903 (genau weiß man es nicht*) und beschreibt mit dramatisch-melancholischen Worten das Eingesperrtsein des namensgebenden Tieres in einem Pariser Park, dem Jardin des Plantes.

Dieses Gedicht gehört zu den bekanntesten Werken deutscher Lyrik – hier finden Sie mehr berĂŒhmte Gedichte.

Ein Panther - eher nicht "Der Panther" den Rilke damals in Paris sah - liegt auf einem Baumstamm inmitten grĂŒner BlĂ€tter.
Sein Blick ist vom VorĂŒbergehn der StĂ€be
so mĂŒd geworden, dass er nichts mehr hĂ€lt.
Foto von CHUTTERSNAP auf Unsplash

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Viel Spaß!

Das Gedicht

Im Jardin des Plantes, Paris

Sein Blick ist vom VorĂŒbergehn der StĂ€be
so mĂŒd geworden, dass er nichts mehr hĂ€lt.
Ihm ist, als ob es tausend StÀbe gÀbe
und hinter tausend StÀben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betĂ€ubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille –
und hört im Herzen auf zu sein.

Gedanken zum Gedicht

Rilkes „Der Panther“ ist wahrscheinlich mein Lieblingsgedicht. Zumindest hat es einen Platz in den Top 3 verdient.

Ich will Sie nur auf ein paar Kleinigkeiten hinweisen, die das Gedicht in meinen Augen so genial machen:

  • „VorĂŒbergehen der StĂ€be“ – Wie nennt man es nochmal, wenn Worte genauso klingen, wie das, was sie beschreiben? Ist das Onomatopoesie? So wie ein Kuckuck Kuckuck heißt, weil er „Kuckuck“ ruft? So wie KNALLen und rascheln? Oder die „Bumm“s und „SchlĂŒrf“s und „Zack!“s aus Comics? Passt das hier auch? Denn lesen Sie doch einfach mal laut den ersten Vers: „Sein Blick ist vom VorĂŒbergehen der StĂ€be“ – das klingt doch so, wie vorĂŒbergehende StĂ€be aussehen, oder? PhĂ€nomenal.
  • „tausend StĂ€be gĂ€be“ – die StĂ€be werden in der dritten und vierten Verszeile direkt wiederholt: in drei von vier Zeilen kommen die StĂ€be vor. Wie viele StĂ€be sehen sie sonst so im Leben – und in der Prosa? Weniger, oder? Hier sehen Sie sie gleich in der ersten Strophe drei Mal. Ist Ihnen vielleicht auch fast so, als ob es tausend StĂ€be gĂ€be, so wie dem Panther? PhĂ€nomenal. Und wie der Konjunktiv „gĂ€be“ perfekt auf reimend auf die „StĂ€be“ passt. PhĂ€nomenal.
  • „Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte“ – Man könnte schreien vor Freude, wie gut diese drei adjektive den Panther und seinen Gang beschreiben: Weich. Geschmeidig. Stark. Noch lauter könnte man schreien, bei „geschmeidig starker“ – die Wörter, so nebeneinander gereiht, sind nicht nur gefĂŒhlte GegensĂ€tze, sondern beschreiben in dieser Nachbarschaft noch viel ausgeprĂ€gter ihre Bedeutung selbst. Wenn das nicht Lautmalerei ist, weiß ich auch nicht. PhĂ€nomenal. Ich sehe den Panther schreiten.
  • „In der betĂ€ubt ein großer Wille steht“: Meine GĂŒte, dieser verdammt bemitleidenswerte Panther, oder? So ein starkes Tier – bei dem jeder Schritt ein Tanz ist, und was fĂŒr ein kraftvoller! Sein Wille – durch das Drehen im ewig gleichen allerkleinsten Kreise – betĂ€ubt. Der Betrachter dieses prĂ€chtigen Tieres sieht noch, welche Macht und Kraft und Eleganz und Schönheit der Panther – normalerweise – besitzt. Aber der Panther ist nur noch eine HĂŒlle seiner selbst.
  • „Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille / sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein.“ Der Gedankenstrich „-“ ist fĂŒr mich in diesem Gedicht, an dieser Stelle platziert, das poetischste Satzzeichen aller Zeiten. Der Panther öffnet sein Auge, was er nur noch selten tut: Warum sollte er auch? Was soll er sehen in diesem KĂ€fig, in den die Menschen ihn gesteckt haben, was soll er noch erwarten? Und tatsĂ€chlich, er öffnet das Auge, und statt der wundersamen Welt, die wir alle sehen, wenn wir die Augen öffnen: Nichts. Ein Gedankenstrich. Dann geht ein Bild hinein. Nicht mehr.
  • „und hört im Herzen auf zu sein.“: Wie kann ein Gedicht gleichzeitig so schön und so abgrundtief traurig sein?

Das waren nur wenige, reichlich zusammenhangslose Gedanken zu Rilkes „Panther“. Ein phĂ€nomenales Gedicht, oder? Wie immer lesen Sie beim Antikörperchen eine ausfĂŒhrliche (und professionellere) Interpretation dieses unglaublich starken StĂŒcks Lyrik.

Er ist ein einsamer GefÀhrte
wenn sich das nicht selbst ausschließt.
Auch draus das alte Bild sich nÀhrte
er sei der Tiere edlest Biest.
TatsÀchlich hat der Wolf schon lang
verloren seines Rufes Feuer.
Dem Wolf ist heute Angst und Bang
vorm Mensch, dem wahren Ungeheuer.

Der Panther im TV

Sein Blick ist vom Geflimmer dieser Kiste
so fahl geworden, dass er nichts mehr weiß
Ihm ist, als ob es nur Probleme gÀbe
und die Welt sich laufend dreht im Kreis.

Der stete Strom gewalttÀtiger Bilder
wo es nur um Geld und Macht und Götter geht
ist wie ein Sog, der tÀglich etwas wilder
den Mann ins willenlose Jenseits zieht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos zu -. Dann geht kein Bild mehr rein.
Dann ist im Haus kurz angenehme Stille –
dann schaltet er den Fernseher wieder ein.

Wenn Sie noch mehr Rilksche Melancholie erfahren möchten, lesen Sie doch mal den Herbsttag.

* Einige Quellen geben 1902 als Entstehungszeitraum an, andere 1903 – manche Quellen gehen sogar so weit, einen spezifischen Tag zu benennen, andere einen Monat (z. B. September 1903). Die deutsche Wikipedia sagt „zwischen 1902 und 1903„, ohne dafĂŒr jedoch eine Quelle anzugeben.