„Frühling lässt sein blaues Band…“ – Eduard Mörike : Er ist’s

„Frühling lässt sein blaues Band wieder flattern durch die Lüfte“: Eine der bekanntesten Gedichtzeilen – wenn nicht sogar DIE bekannteste – der deutschen Literatur. Die Zeile stammt aus „Er ist’s“ von Eduard Mörike und stammt aus dem Jahre 1829. Darin leitet die Zeile den Willkommensgruß des Autors ein, der den Frühling in seinen ersten Zügen beschreibt.

Dieses Gedicht gehört zu den bekanntesten Werken deutscher Lyrik – hier finden Sie mehr berühmte Gedichte.

Auch auf diesem Bild ließ der Frühling wohl sein blaues Band durch die Lüfte flattern: Viele Zweige mit reichlich weiß-rosanen Blüten vor dem unscharf dargestellten blauen Himmel.
Süße, wohlbekannte Düfte
Streifen ahnungsvoll das Land.
Foto von Jessica Fadel auf Unsplash

Lesen Sie hier das Gedicht und einige Anmerkungen dazu. Wir haben noch mehr Frühlingsgedichte für Sie und reichlich weitere Gedichte von Eduard Mörike finden Sie hier.

Viel Spaß!

Das Gedicht

Er ist’s

Frühling läßt sein blaues Band
Wieder flattern durch die Lüfte;
Süße, wohlbekannte Düfte
Streifen ahnungsvoll das Land.
Veilchen träumen schon,
Wollen balde kommen.
– Horch, von fern ein leiser Harfenton!
Frühling, ja du bist’s!
Dich hab ich vernommen!

Gedanken zu „Er ist’s“

Eduard Mörike scheint mir ein Mann gewesen zu sein, der mir aus heutiger Sicht nahe gewesen wäre.

Theologie hat er studiert, Pfarrer ist er geworden – nur um zu Lebzeiten stets mit diesem Beruf zu hadern. Eines seiner berühmtesten Werke – der „Feuerreiter“, entstand schon während seines Studiums: Ihm war also schon länger klar, dass er eigentlich zu etwas anderem berufen war, als zu „pfarren“.

Er ist nicht der einzige Pfarrer geblieben, dem dieses lyrische Talent in den Schuhen lag, denken wir nur an Dietrich Bonhoeffer, der ein derart wuchtiges Gedicht vor seiner Hinrichtung verfasste, dass selbst Atheisten gerne gläubig wären, um auf eine ähnliche Art Trost finden zu können. („Von guten Mächten wunderbar geborgen / erwarten wir getrost, was kommen mag…“)

„Er ist’s“ hingegen ist gar nicht sonderlich religiös. Klar, das große „ER“ im Titel kennt man auch aus anderen, biblischen Zusammenhängen, umso interessanter, dass Gott in diesem Frühlingsgedicht gar nicht auftaucht. Oder zumindest nicht direkt.

„Frühling lässt sein blaues Band“ – direkt in der ersten Zeile, der wie gesagt vielleicht berühmtesten deutschen Gedichtzeilen aller Zeiten, wird klar, wer dieser „Er“ ist. Als personifizierte Jahreszeit wird der Frühling gleich aktiv und flattert mit eben jenem blauen Band durch die Lüfte. Als hätte er 9 Monate, mit seinem Band in der Hand in einer Ecke kauernd, auf diesen Moment gewartet. Er bringt Düfte mit, die ausgelassen, fast abenteuerlich und neugierig, das Land „streifen“, vielleicht sind es auch die Düfte des Sommers, die uns Menschen eben schon vorahnen lassen, dass da weit mehr auf uns wartet. Vielleicht kündigen sie auch nur den Frühling an, noch unsicher, noch uneindeutig, und erst der Harfenton ist es, der uns wirklich klar macht, dass „Er“ es ist.

So warten wir also mit den Veilchen darauf, dass seine Stunde schlägt, dass die Welt aufwacht aus dem Winterschlaf und nur noch dunkel erinnern wir uns an den Septembermorgen, den Mörike, wenn auch nicht so bekannt, ebenso poetisch besang.

Im Prinzip ist „Er ist’s“ nur ein Frühlingsgedicht, wie es vorher und vor allem nachher wohl tausende Male geschrieben wurde – und trotzdem gelang es Mörike, wohl vor allem mit der Personifikation und der unglaublich schönen Metapher des „blauen Bandes“, für immer in die deutsche Lyrikgeschichte einzugehen.

Mörike muss ein Träumer, vielleicht auch ein Zweifler gewesen sein: Nur so ist es zu erklären, wie man ein derartig göttliches Gedicht völlig ohne Gott auskommen lassen kann.

Sehr sympathisch.

Eine deutlich professionellere Gedichtanalyse finden Sie hier.

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P.S.: Wenn „Er ist’s“ DAS deutsche Frühlingsgedicht ist – dann ist wahrscheinlich Rilkes „Herbsttag“ DAS deutsche Herbstgedicht.