Christian Morgenstern – Die unmögliche Tatsache, oder: „Weil nicht sein kann, was nicht sein darf“

Kennen Sie den Spruch „Weil nicht sein kann, was nicht sein darf“? Er stammt aus dem Gedicht „Die unmögliche Tatsache“ des deutschen Lyrikers Christian Morgenstern und wird auch heute noch – etwa 100 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung – genutzt.

Dieses Gedicht gehört durch den berühmten Halbsatz (der eigentlich noch einen „messerscharfen“ Einschub hat) zu den bekanntesten Werken deutscher Lyrik – hier finden Sie mehr berühmte Gedichte.

Ein Mann kniet vor einem an einen Baum gecrashten Auto und telefoniert, als Sinnbild für das Gedicht "Die unmögliche Tatsache" von Morgenstern
Hier sehen Sie Palmströms Enkel, Sebastian Palmström, bei einem Unfall bei Wuppertal:
„Nein Schatz, der Wagen ist zwar Schrott, aber ich habe ihn nicht gegen den Baum gelenkt. Warum nicht? Weil ich ein guter Autofahrer bin. Ja, ja, ich bin gefahren. Ich kann es trotzdem nicht gewesen sein, weil nicht sein kann, was nicht sein darf.“
Foto: anek.soowannaphoom/shutterstock.com

Hier finden Sie den Text des Gedichts sowie einige Gedanken. An anderer Stelle haben wir auch Die drei Spatzen für Sie, auch ein berühmtes Morgenstern-Gedicht, sowie hier noch einige weitere von ihm.#

Viel Spaß!

Das Gedicht

Christian Morgenstern – Die unmögliche Tatsache

Palmström, etwas schon an Jahren,
wird an einer Straßenbeuge
und von einem Kraftfahrzeuge
überfahren.

„Wie war“ (spricht er, sich erhebend
und entschlossen weiterlebend)
„möglich, wie dies Unglück, ja -:
daß es überhaupt geschah?

Ist die Staatskunst anzuklagen
in bezug auf Kraftfahrwagen?
Gab die Polizeivorschrift
hier dem Fahrer freie Trift?

Oder war vielmehr verboten,
hier Lebendige zu Toten
umzuwandeln, – kurz und schlicht:
Durfte hier der Kutscher nicht ?“

Eingehüllt in feuchte Tücher,
prüft er die Gesetzesbücher
und ist alsobald im klaren:
Wagen durften dort nicht fahren!

Und er kommt zu dem Ergebnis:
„Nur ein Traum war das Erlebnis.
Weil“, so schließt er messerscharf,
„nicht sein kann, was nicht sein darf.“

Gedanken zum Gedicht

Wissen Sie, warum mir Christian Morgenstern sympathisch ist, obwohl ich nichts über ihn weiß außer das, was er in Gedichten von sich gibt?

Weil er so eine liebevoll-schrullige Sprache pflegt. Klar, er hat auch das Nasobem und den Flügelflagel und die Fingur und ähnlich witzige Sprachgedichte verfasst, aber um diese Art von Kreativität geht es mir gar nicht primär.

Schauen Sie sich doch einfach mal die erste Strophe an: „Palmström, etwas schon an Jahren“ – haben Sie jemals in vier Worten eine schönere Beschreibung für das unschöne „mittlere Alter“ gelesen. Ich hätte wahrscheinlich „Palmström war schon ziemlich alt“ oder „Palmström war nicht mehr der Jüngste“ oder so etwas geschrieben, aber „Etwas schon an Jahren“? Genial.

Und es geht ja direkt weiter: „Er wird an einer Straßenbeuge UND von einem Kraftfahrzeuge überfahren“. Dieses „und“ an der Stelle – ich bin wiederum nicht kreativ genug, um Ihnen zu erklären, warum genau ich dieses einerseits völlig deplatzierte und andererseits wie die Faust auf’s Auge passende „und“ so sehr liebe, aber wenn Sie wie ich ein Gedichtefreund sind, dann werden Sie es wohl verstehen.

Palmström selbst ist ein schrulliger Typ. Völlig introspektiv reflektierend, fast als würde er sich nur noch seine Brille zurechtrücken und seine Hand sinnierend an sein Kinn legen müssen, steht er aus der Todesgefahr auf, einfach weil er „entschlossen“ ist, weiter zu leben. Wahnsinn.

Ganz der deutsche Mann trotz allem denkt er sofort darüber nach, wer hier anzuklagen ist – das könnte auch heute noch so sein, wo wir den Förster verklagen, wenn wir im Wald über eine Astgabel stolpern. Und tatsächlich kommt er zu dem Schluss, dass „nicht sein kann, was nicht sein darf“: Und klingt dieser berühmt gewordene Satz nicht genau wie andere berühmte deutsche Sätze, „Weil wir das schon immer so gemacht haben“, „weil so nunmal die Regeln sind“, weil „ich da auch nichts machen kann“, usw.

Ein herrlich ironisches Gedicht von einem herrlichen Künstler, der, wie gesagt, mir sehr sympathisch ist. Hat er auch mal Gedichte geschrieben, die heute zum Beispiel aufgrund bestimmter Wörter nicht mehr druckbar wären? Das glaube ich nicht! Ich schließe es aus meinem Weltbild aus! Weil ich Morgenstern mag, und nicht sein kann, was nicht sein darf.

Wo Sie schonmal hier sind …

Der Mond und das Bier

Der Mond sichelt am Himmel herum,
die Sterne schimmern fahl nur und
ich finde es ganz furchtbar dumm,
dass du nicht bei mir bist, du Hund.

Meine Decke ist nicht warm,
du hätt’st sie sicher warm gemacht.
Das Bier liegt mir recht schwer im Darm.
Naja, dann trotzdem Gute Nacht.

Isegrim

Es ist dunkel, dort im Wald.
Die Tiere halten still.
Kein Lüftchen, das sie streifen will
und trotzdem ist es kalt.

Sie alle spüren etwas dort
etwas magisches, gemeines –
und gleichzeitig auch etwas feines:
das riecht nach Moos und Blut und Mord.

Ein alter Rehbock spricht es aus
was allen längst ins Felle kroch:
dass es auch nach jemand roch
und dieser Duft – er war ein Graus.

Der Grimm, die alte, graue Not,
war aus ihrem Exil gekommen.
Und die Tiere hatten längst vernommen:
Sein zweiter Name war der Tod.

Am Ende der Kräfte

Er kraxelt und schwitzt
er klettert und sitzt
nur kurz, um zu verschnaufen.
Muss sich zusammenraufen,
noch höher zu gehen.
Kann kaum mehr stehen
muss Götter anflehen,
kann nicht mehr zurück.
Aber es ist noch ein Stück.
Hat Blut in den Schuhen
muss irgendwo ruhen
er schaut hinauf
es sieht nicht gut aus.
Das Unten ist nicht
wirklich gar nicht in Sicht
und ganz langsam bricht
in ihm hinauf die Idee:
„Dass ich sie niemals wieder seh“.
Mit letzter Kraft greift er
in Verzweifelung streift er
die Angst und die Wut von sich ab.

Und
dann
fällt
er
hinab.